Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glänzend schwarzer Dinte geschrieben; den Zügen der Schrift sah man aber an, dass sie einige Mühe gekostet haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken, als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lange als die 3. St. Johannis schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den verworrenen Zügen des Pergamentes entzifferten:
"Bedenk deinen Eid. – Flieh beizeit.
Gott dein Geleit. – Marie dein in Ewigkeit."
Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit umflort von einem Schleier stiller Tränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch einmal küsst, verschämte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Grusse erröten – wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, dass er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wusste er doch, dass ein Wesen, das teuerste was für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluss jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.
"dachte ich's doch", antwortete dieser, "dass das Blättchen keinen bösen Zauberspruch entalten müsse. Denn das fräulein lächelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war vergangenen Mittwoch, dass ich nach Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar, worauf die geschichte meines Patrons des Täufers Johannes vorgestellt ist. Vor sieben Jahren als ich in grosser Not und einem schmählichen Ende nahe war, gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, dass mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gerne hat. – Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?"
"Nein, nein, erzähle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze dich zu mir auf jene Bank."
"Das würde sich schön schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft grüsste; erlaubt mir, dass ich mich vor Euch hinstelle."
Georg liess sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber fuhr auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: "Ich hatte diesmal bei den unruhigen zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber 'gebrochener Eid, tut Gott leid', heisst es, und so musste ich mein Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstund, um dem Abt zu bringen was recht ist, sagte mir einer der pfaffen, dass ich diesmal nicht zu seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger Herr, und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht hätte. Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schliesst, und ist lang und schmal. Dort war es, wo mir das fräulein begegnet ist. Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab, entgegen; ich drücke mich an die Wand um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: 'Ei Hanns, woher des weges?' "
"Woher kennt Euch denn das fräulein?" unterbrach ihn Georg.
"Meine Schwester ist ihre Amme und –"
"Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann. "Habt Ihr sie auch gekannt?" sagte der Bote, "ei sehe doch einer! aber dass ich weiter sage: ich hatte eine grosse Freude sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein, und habe das fräulein gekannt als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt, so gross war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai. Ich weiss nicht wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich musste fragen was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: 'Ja, wenn du verschwiegen wärest, Hanns, könntest du mir wohl einen grossen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellt mich bis nach der Vesper."
"Aber wie kommt sie nur in das Kloster", fragte Georg; "sonst darf ja doch kein Weiberschuh über die Schwelle."
"