lassen, die brave Frau – so musst ich meine Mütze abziehen und sagen: 'Gehorsamen guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen!' Dass dich der –"
"Ei schau einer!" sagte Johann mit unmutigem Gesicht; "ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne dass die böse Welt –"
"So? ein Wort wechseln, und abends nach der Versperglock im März? Er heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse nicht so rein sein, wie Eures Herrn seine weisse Halskrause? Das könnt ich brauchen!"
Der Obermeister hatte während seinen eifrigen Reden den alten Johann an der Brust gepackt und seine stimme so erhoben, dass die Umstehenden aufmerksam wurden; der Meister Schmidt hielt es daher für das beste, den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, dass es schon um Mittag in der ganzen Stadt hiess: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein, und seie von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden.
Die Übungen des Fussvolkes waren indes zu Ende gegangen, das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.
Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt, als in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, dass alle seine goldenen Träume, alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmal verschwanden, nichts davon zu sagen, dass auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewiss in die Weite hinausgerückt war – er sollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo sollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem väterlichen Freunde seinen Abzug zu rechtfertigen; mit welcher Stirne sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Grüsse, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm musste er in so zweideutigem Lichte erscheinen.
Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
"Was willst du", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken unterbrochen zu werden.
"Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der Mann. "Sagt einmal, was gehört zu Licht und Sturm?"
Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer. Er war nicht gross aber kräftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht von der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund, und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht.
Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Züge lauernd beobachtet.
"Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort; "was passt zu Licht und Sturm, dass es zwei gute Namen gibt?"
"Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klarwurde, was unter jener Frage verstanden sei; "was willst du damit?"
"So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von Marien von –"
"Um Gottes willen, sei still Freund, und nenne keine Namen", fiel Georg ein, "sage schnell, was du mir bringst."
"Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, auflöste, und einen Streifen Pergament hervorzog.
Mit hastiger Freude nahm