antwortete Berta; "das hat mich in Nürnberg ein Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt, es ist übrigens nicht von ihm, sondern von Walter von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat. Höre nur weiter:
Ob ich recht erraten könne,
Was die Minne sei? so sprecht ja;
Minne ist zweier Herzen Wonne;
Teilen sie gleich, so ist sie da.
Doch – soll ungeteilt sein,
So kann ein Herz allein sie nicht entalten;
Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?
Nun hast du geteilt mit dem armen Junker?" fragte die schelmische Berta ihre errötende Base. "Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen. Doch du wirst mir wieder ernst, ich muss schon noch ein Liedchen des alten Herrn Walters singen:
Ich weiss nicht, wie es damit geschah,
Meinem Auge ist's noch nie geschehen,
Seit ich sie in meinem Herzen sah
Kann ich sie auch ohne Augen sehen;
Da ist doch ein Wunder mit geschehen,
Denn wer gab es, dass es ohne Augen
Sie zu aller Zeit mag sehen?
Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
Womit ich sie sehe durch alle Land,
Es sind die Gedanken des Herzens mein
Damit schau ich durch Mauer und Wand,
Und hüten diese sie noch so gut,
Es schauen sie mit vollen Augen
Das Herz, der Wille und mein Mut."
Marie lobte das Lied des Herrn Walter von der Vogelweide als einen guten Trost beim Scheiden; Berta bestätigte es. "Ich weiss noch einen Reim", sagte sie lächelnd, und sang:
"Und zog sie auch weit in das Schwabenland,
Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,
Seine Blicke bohren durch Fels und Stein,
Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!"
Als Berta noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die Gartenpforte; Männertritte tönten den gang herauf, und die Mädchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen.
"Herr von Sturmfeder", begann Berta nach den ersten Begrüssungen, "verzeihet doch, dass ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen; aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine Freundin zu geben. – Nun, und dass wir andern nicht zu kurz kommen", setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, "so wollen wir eines plaudern und den Abendtanz von gestern mustern." Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den gang hinab.
Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig. Die süssesten Worte, die er ihr zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. "Marie", sagte er, "du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?"
"Hoffnung?" fragte sie wehmütig, "mit unserer Hoffnung, mit unserem Glück ist es für ewig aus."
"Siehe", antwortete Georg, "eben dies kann ich nicht glauben; ich trage die Gewissheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben, dass sie untergehen könne?"
"Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muss dir ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist; er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Plane des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der in unserem Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen anschliesst, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?"
"Dein Eifer führt dich zu weit, Marie", unterbrach sie der Jüngling; "du musst wissen, dass mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!"
"Und wenn dies wäre", fuhr jene eifrig fort, "so sind sie betrogen und verführt, wie auch du betrogen bist."
"Wer sagt dir dies so gewiss", entgegnete Georg, welcher errötete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er ahnete, dass sie so unrecht nicht habe; "wer sagt dir dies so gewiss? kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsüchtigen Mannes führen, der seine edlen ermordet, der seine Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verprasst und seine Bauern verschmachten lässt?"
"Ja, so schildern ihn seine Feinde," antwortete Marie, "so spricht man von ihm in diesem Heere, aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen räuberischen edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten."
Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich; "Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?" fragte er.
"Ihr sprecht immer von