Nun? und der wievielste Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnet?"
"Es ist mein erster", antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war unmutig darüber, dass jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit Marie so gerne gesprochen hätte.
"Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne."
"Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg.
"Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und da seid Ihr gewiss recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg."
"Nicht so weit als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu Marien wandte; "ich war in Tübingen."
"In Tübingen?" rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort, alles was ihr bisher dunkel war, und ein blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf den Wangen, vor ihr stand, überzeugte sie, dass die lange Reihe von Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Reiter begrüsste, warum Marie weinte, die ihn gewiss gerne auf der feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, sie mussten sich längst gekannt haben.
Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz bestürmte, sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte. Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen mann stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt, er wäre ihr dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese Beschämung erfahren. Wir haben es von guter Hand, dass junge Damen grosse Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand zu ertragen wissen; dass sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Grossmut genug, um zu vergessen.
Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem grösseren Schmerz, der seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch, dass er nie mehr gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört zu sprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne dass er über Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe gelegenheit ihm zuzuflüstern, er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgendeine gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
Verstimmt kamen die beiden Schönen nach haus. Berta hatte auf alle fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, dass sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein grosser Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer, einsilbiger geworden.
Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur noch zu engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, dass es in langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte, es unter das Nachtäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens hülfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz, ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf, und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden.
"hinweg, du Falsche!" rief die erzürnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand zurückstiess.
"Berta, hab ich dies um dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut. "O wenn du wüsstest, wie unglücklich ich bin, du würdest sanfter gegen mich sein!"
"Unglücklich?" lachte jene laut auf, "unglücklich; vielleicht weil der artige Herr nur einmal mit dir tanzte?"
"Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "du bist böse auf mich, und sagst mir nicht einmal warum?"
"So? Du willst also nicht wissen, dass du mich betrogen hast? nicht wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, dass du so schlecht, so falsch an mir handeln würdest!"
Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heisse Stirne in die Hand und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die Weinende.
Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzens; Marie kannte