die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzüge und Schlachtenstücke, welche mit kühnen Zügen entworfen, mit besonderem Fleisse ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch, und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er, zu grossem Ärgernis der Frau Sabine, bald lustige bald ernstere Weisen dazu sang.
So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme stimme des Singenden vernommen; er konnte sich nicht entalten noch einige Zeit an der tür zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.
Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden Weisen, wie sie durch ihren inneren Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage herabkamen. Noch heute leben sie in dem mund der Schwaben, und oft und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den gehaltenen Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des Neckars sie belauscht.
Der Sänger begann von neuem:
"Kaum gedacht
War der Lust ein ende gemacht.
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Doch was ist
Aller Erden Freud und Lüst'.
Prangst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Sieh, die Rosen welken all.
Darum still
Geb ich mich, wie Gott es will.
Und wird die Trompete blasen,
Und muss ich mein Leben lassen,
Stirbt ein braver Reitersmann."
"Wahrlich, Ihr habt eine schöne stimme", sagte Herr von Kraft, als er in das Gemach eintrat, "aber warum singet Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muss fröhlich sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt."
Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreunde die Hand. "Ihr mögt recht haben", sagte er, "was Euch betrifft; aber wenn man zu Feld reitet wie wir, da hat ein solches Lied grosse Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem tod eine milde Seite."
"Nun, das ist ja gerade was ich meine", entgegnete der Schreiber des Grossen Rates, "wozu soll man das auch noch in schönen Verslein besingen, was leider nur zu gewiss nicht ausbleibt. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprüchwort; übrigens hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen."
"Wie? ist der Krieg nicht entschieden?" fragte Georg neugierig. "Hat der Württemberger Bedingungen angenommen?"
"Dem macht man gar keine mehr", antwortete Dieterich mit wegwerfender Miene, "er ist die längste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen", setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu, "aber bis jetzt bleibt es noch unter uns; die Hand darauf. Ihr meint der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zürch und Bern geschickt haben, ist zurück; was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb liegt – muss nach Haus."
"Nach Haus zurück?" rief Georg erstaunt, "haben die Schweizer selbst Krieg?"
"Nein", war die Antwort, "sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld; glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zurückrufen."
"Und werden sie gehen?" unterbrach ihn der Jüngling, "sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu hülfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?"
"Das weiss man schon zu machen; glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen14, sie werden bleiben? Ulerich hat zuwenig Geld, um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht."
"Aber ist dies auch ehrlich gehandelt", bemerkte Georg, "heisst das nicht dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann überfallen?"
"In der Politica, wie wir es nennen", gab der Ratschreiber zur Antwort, und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein geringes Ansehen geben zu wollen, "in der Politica wird die Ehrlichkeit höchstens zum Schein angewandt; so werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklären, dass sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die freien Städte dienen zu lassen; aber die Wahrheit ist, dass wir dem grossen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der Herzog."
"Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen", sagte Georg, "so hat doch Württemberg noch Leute genug, um keinen Hund über die Alb zu lassen."
"Auch dafür wird gesorgt", fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung fort, "wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg, und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bunde zuzuziehen."15
"Wie?" rief Georg mit Entsetzen, "das hiesse ja den Herzog um sein Land betrügen; wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung