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kühnen Ritters zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten war, rief ihnen zu: "Lasst ihn schwimmen, an dem ist nichts gelegen, das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den lasst uns fassen." Georg blickte dankbar auf zum Himmel; er liess sein Schwert sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn, und liessen es willig geschehen, dass er abstieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg fasste die Hand, welche noch immer die blutige Axt festielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der tödliche Stoss der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete; seine Züge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lächeln, das den letzten Gruss, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Tränen fielen auf ihn herab; er drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloss ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.

XI

O schöner Tag, wann endlich der Soldat

Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit

Oh! glücklich wem dann auch sich eine Tür,

Sich zarte arme sanft umschlingend öffnen.

Schiller

Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen verkündeten grossen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im grünen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust, er glaubte hoffen zu dürfen, dass der unglückliche Fürst durch seine kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie gross musste ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die Nachricht von dem Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, dass er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wusste er nicht, dass die traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele tief betrüben, dass ihre Blicke ängstlich werden, dass ihre sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen nenne und ihn zurückrufe?

Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen zu werden, wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als eifriger Freund des Herzogsmusste er nicht fürchten, einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegenzugehen? Die Ankunft an dem äusseren Posten des Lagers unterbrach diese düsteren Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies eine peinliche Viertelstunde für Georg; er wünschte wo möglich mit Frondsberg zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, dass dieser edle Freund seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten haben möchte, dass er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg-Truchsess und so mancher andere, der ihm früher nicht günstig war.

Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich und ohne aufsehen in das grosse Zelt geführt werden, wo die Obersten gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, seinen Helm zu schliessen, dass man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat geführt würde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Falle nichts unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das grosse Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, liessen auf eine zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im inneren des Zeltes schliessen.

Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, dass einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten sich nahe herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die Öffnungen des Visieres dringen zu wollen, um die Züge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu machen, und er musste seine Zuflucht zu dem "Namen der Bundesobersten" nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen, und dem gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten vor Freude, und glaubten nicht anders als jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen zu können, die auf die person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.

Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen Schrittes ein, und überschaute die Männer, die über sein Schicksal entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die düsteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchsess von Waldburg seinem Gedächtnis nicht entfallen, und der spöttische, beinahe höhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sikkingen, Alban von Closen, Huttensie alle sassen wie damals vor ihm, als er dem Bund auf ewig Lebewohl sagte, aber wie vieles hatte sich verändert. Und eine Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene ehrwürdigen Züge fiel