verlässt ihn, wenn man von Neuerungen spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, lässt ihn das Alte mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm sonst fremd ist, und gänzlich ausser seinem Wesen, der ruhigen, biederen Geschäftigkeit, liegt.
Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte, und zur Verbesserung seiner Finanzen ein neues Mass und Gewicht einführte. Der "arme Konrad", ein förmlicher Aufstand armer Leute hatten ihn nachdenklich gemacht und den Tübinger Vertrag eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine rührende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und das Haupt des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter und Grossväter hatten unter den Herzogen und Grafen von Württemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhasst, der diese verdrängen wollte; wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen Stattaltern oft genug bewiesen.
Der alte angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land; sie zogen ihm freudig zu; sie glaubten jetzt werde es wieder hergehen wie "vor alters"; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Fronen geleistet; sie hätten über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wäre. So gut ward es ihnen aber nicht; die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als früher, kein Wunder wenn sie den Herzog als einen neuen Herren ansahen, und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulerich kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als früher, sondern weil sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen.
Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht, erfährt selten genau wie man über ihn denkt, und ob die Massregeln klug berechnet waren, die ihm seine Räte an die Hand geben. Und dennoch entging Ulerichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, dass er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen können, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.42
Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. Er beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm sogar selbst zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen und Mut einzuflössen, einige Einfälle, welche die Bündischen von Esslingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in seine Stellungen zurückging, dass das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen könnte, wenn der Bund einmal mit dem grossen Heere im Feld erscheinen werde.
Und er erschien frühe genug für Ulerichs zweifelhaftes Geschick. Noch wusste man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart kamen, und von einem grossen bündischen Heer erzählten, das sie zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, dass eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, dass der Herzog längst um diesen drohenden Einfall gewusst haben müsse, denn er liess an diesem Tage die Ämter aufbieten, liess die Truppen sich versammeln, die auf das Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine Musterung über zehntausend Mann.43
Noch in der Nacht zog er mit einem grossen teil der Mannschaft aus, um die Stellungen, die ein teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und Esslingen genommen hatte, zu verstärken.
In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen geweint, denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden Heeres übertönte die Klagen der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war stumm, aber gross, als sie den Gatten unter die tür herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, überhörten sie das Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr süsses Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu frühe aufzustören, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines geliebten Weibes.
Die natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit über jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in