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sinnend auf Georgs Zügen ruhte, "an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten, wahrlich sie haben ihn allzufrühe eingescharrt! Und du", setzte er freundlicher hinzu, "du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt dich schon so frühe aus dem Neste und bist kaum flick?"

"Ich weiss schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer stimme; "das Vögelein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!"

Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Jünglings. Er hatte sich nie seiner Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, dass er sich zum ersten Male dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel sein blick über Truchsess Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgültig sein."

"Nun, nun!" erwiderte jener, "wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen, im kopf muss es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spass gleich Ernst macht."

Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie dein Vater, lieber Junge, nun du willst zeitlich zu einer Nessel werden.13 Und wir werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke sitzt. Dass du dann nicht der letzte bist, darfst du gewiss sein."

Diese wenigen Worte aus dem mund eines durch Tapferkeit und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes, übten so besänftigende Gewalt über Georg, dass er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurückdrängte, und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören, teils um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei?

Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchsess, wie man tüchtige Gesellen für unsere Sache gewinnt, ich wette, er ging nicht mit halb soviel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte."

"Müsst Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf, "was braucht es da? er soll einen Spass von seinem Oberen ertragen lernen."

"Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spass, sich über unverschuldete Armut lustig zu machen, ich weiss aber wohl, Ihr seid seinem Vater auch nie grün gewesen."

"Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln, er sieht mir nicht darnach aus, als ob er sich viel gefallen liesse!"

Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in seinem Leben nie ertragen konnte, blickte Truchsess den einen und den andern an, mit so wutvollen Blikken, dass sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel warf, um noch ärgeren Streit zu verhüten: "Lasst doch die alten Geschichten!" rief er. "Oberhaupt wäre es gut, wir heben die Tafel auf. Es dunkelt draussen schon stark und der Wein wird zu mächtig. Dieterich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlösser niederbrennen oder verteilen soll."

"Lasst sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren dürfen ja heute machen was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden."

"Nein", antwortete Ludwig Hutten; "wenn einer von so etwas reden darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulerich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern, über den Mönch von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn geratet. Lasst uns aufbrechen."

Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.

IV

Wollt ihr wissen was die Augen sein,

Womit ich sie sehe durch alle Land?

Es sind die Gedanken des Herzens mein,

Damit schau ich durch Mauer und Wand.

Walter von der Vogelweide

Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, nicht so entfernt gestanden, dass er nicht jedes Wort der Streitenden gehört hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht verbergen, dass sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchsess war zu bekannt im Heere wegen seines unversöhnlichen Stolzes, als das Georg hätte glauben dürfen, Huttens vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen Streit verlöscht, und dass Männer von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Fällen, der