, statt die köstlichen Braten zu geniessen, die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben."
"Mit Verlaub", unterbrach ihn Dieterich von Kraft, "der junge Herr isst nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab ich's nicht gleich weggehabt, dass er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält."
Georg wusste gar nicht wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im Begriff sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und begann mit grossem Behagen und geübter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und eben als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser sah den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem haupt und deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme liess sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundschaftlichst:
"So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."
So war es nun in den "guten alten zeiten"! Man konnte sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die grossen Schüsseln und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen, grössere Kannen, gefüllt mit edlem Weine, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so äusserte auch der Wein seine Wirkungen. Dieterich Spät und seine Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulerich und bekräftigten jeden Fluch oder schlechten Witz, den einer ausbrachte mit Gelächter oder einem guten Trunke. Die fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das Tübinger Schloss im Weine ab. Ulerich von Hutten und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffes auf den römischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in Wittenberg unternommen hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit geraten, und so füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher, den Saal.
Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere Fröhlichkeit. Dort sass Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchsess, Franz von Sickingen und noch andere ältliche, gesetzte Herren.
Dortin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: "Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen, wie wäre es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewünscht habt?"
Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, dass sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte, seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte je näher er kam, ungewisser und zögernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, während der Gefeierte zum Riesen wuchs. Georg von Frondsberg galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien, Frankreich und Teutschland erzählten von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fussvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen Helden wenn er von diesem mann liest: "Er war so stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, dass er damit den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stossen, ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die grossen Büchsen und Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?" Zu ihm führte Breitenstein den Jüngling.
"Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er den hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.
"Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein, "ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag?"
Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchsess von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber. Georg war schüchtern und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, dass die freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, dass er fühlte, wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham den Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.
"Jetzt, an diesem blick erkenne ich dich", sagte Frondsberg und bot ihm die Hand, "du bist ein Sturmfeder?"
"Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war Burkhardt Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite."
"Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch