. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen."
Das schöne, bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der tür umwandte, sah ich sie heftig weinen.
Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Strasse, der Pietist, vom geist befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin, und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von dem Anblick der stillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu entreissen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung und schön, als dass sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten erreichen zu können; besser vielleicht noch durch Kapitän West, der mir ohnedies verfallen war, doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen können.
Auf der Hausflur des Kapitäns liess uns der Pietist vorangehen, weil er hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stossseufzer einen Schluck aus einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör entalten musste. Ha! jetzt muss der Geist erst recht über ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muss mit grosser Begeisterung sprechen.
Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist vom Geist getrieben, seinen Sermon.
Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und sprach: "Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat dich der Teufel in seinen Klauen, dass du dich dem Antichrist ergeben willst? Dass du absagen willst der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie heisst es Sirach am 9. im dritten Vers? He? 'Fliehe die Buhlerin, dass du nicht in ihre Stricke fallest.' –"
"Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.", sprach der Kapitän gereizt. "Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottisen zu sagen."
"Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, besuchen, da liess sich dieser fromme Mann, der gehört hat, dass Sie übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."
"Grosse Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe, denn –"
"Höret, höret wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme", schrie der Pietist; "der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? 'Lass dich nicht bewegen von dem Gottlosen in seinen grossen Ehren; denn du weisst nicht, wie es ein Ende nehmen wird. – Wisse, dass du unter den Stricken wandelst, und gehest auf eitel hohen Spitzen!'"
"Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"
"Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie, und bin mit einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."
"Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt", rief der fromme Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. "Auf, ihr Brüder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft es." Er drückte die Augen zu und fing an, mit näselnder, zitternder stimme zu singen:
"Herr, schütz uns vor dem Antichrist,
Und lass uns doch nicht fallen;
Es streckt der Papst mit Hinterlist
Nach uns die langen Krallen;
Und lass dich erbitten,
Vor den Jesuiten
Und den argen Missionaren
Wollest gnädig uns bewahren.
Sie sind des Teufels Knechte all,
Nur wir sind fromme Seelen;
Wir kommen in des himmels Stall,
Uns kann es gar nicht fehlen;
Denn nach kurzem Schlafe
ziehen wir frommen Schafe
In den Pferch für uns bereitet,
Wo der Hirt die Schäflein weidet.
Dort scheidet er die Böcke aus –"
Man kann eben nicht sagen, dass der Fromme wie eine Nachtigall sang, aber komisch genug war es anzusehen, wie er vom Geist getrieben, dazu agierte; auf den Wangen des Kapitäns wechselte Scham und Zorn, und man war ungewiss, ob er mehr über die Unverschämteit dieses Proselytenmachers staunte, oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers anhub, ging die tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weissen, faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern herabfloss, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns mit gebietendem blick, und die Rechte, die er