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unglückselige Stadt im rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; – doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, und ein teil dieser geschichte war es, den ich damals im haus meiner Tante erzählt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn, und liessen mich den richtigen blick dieser Dame bewundern. An seiner ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. Unglückliche Mädchen wie das fräulein, abenteuernde Damen wie Ines, intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir, als Menschenkenner, etwas rätselhaft.

Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen wie nach physischen Kräften, ein Körper, welcher abwärts gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei Rollen, er war leichtsinnig, denn er vergass sich alle Augenblicke, er war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt, er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er wahrscheinlich auch das Est, Est, Est, Eigenschaften, die nicht lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger geworden, ein zweiter wäre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen, hätte die Donna Ines hier, und fräulein Luise dort, sitzenlassen, und vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne Sächsin zu besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dünkte es mir, dass das fräulein noch in demselben Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren, dass das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten Verhältnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen Strebens, das fräulein, recht lockend, recht reizend vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeige, so machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich beschloss daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen, und die Leutchen zu hetzen.

Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riss das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine stimme heiterer. "Der Engel!" rief er aus, "sie will mich dennoch sehen! wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund", sagte er, indem er mir den Brief reichte; "müssen solche Zeilen nicht beglückken?"

Ich las: "Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis sind es eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! dass er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich nicht ertragen kann.

L. v. P

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun könnten." "Ich kann mir denken, dass dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muss", sagte ich, "doch einiges ist mir nicht recht klar, in diesem Brief, das Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich übrigens das fräulein an niemand besser wenden, als an mich, denn ich war mehrere Jahre dort, und bin beinahe in allen Familien genau bekannt."

Der junge Mann war entzückt, dem fräulein so schnell dienen zu können. "Das ist trefflich!" rief er, "und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die Verhältnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

"In Berlin", erzählte er, "hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche geschöpf hätte Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung