Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, dass ich ihr als Freund willkommen sei, dass ihr Herz keinem andern mehr gehören könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit dem übereinstimmt, was uns die Schwester des Gesandten erzählte, sie gestand, dass sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän seine Verhältnisse hieher riefen; sie gestand, dass er einen Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, dass er, sobald die Sache entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar führen werde.
etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Ge
ständnis, rief mich eines Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, dass er sich mir in Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besass; doch die Zeit war mir auffallend, und es musste etwas von Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.
'kennen Sie einen gewissen Kapitän West?' fragte
er, indem er mich mit forschenden Blicken ansah.
'Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennenge
lernt', gab ich ihm zur Antwort.
Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein, entgeg
nete er mir, da ich ein Duell mit ihm gehabt.
Ich sagte ihm, dass ich Streit mit ihm gehabt, wegen
einer ziemlich gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt worden. Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem Luise in seinem haus gewiss nichts erwähnt hatte.
'Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt', sagte
er; 'doch möchte ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen person zu vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen, besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden land wegen der Folgen für beide Teile fatal.'
Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame sagte, 'zweideutige person!' Und doch sass gerade diese person als Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen liess. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, dass er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrükken von seinen Gästen spreche.
Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft, die er sehe, noch habe sie je einen Fuss über seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, dass hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, dass fräulein von Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. 'Verzeihen Sie', rief er, 'man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen, daher glaubte ich Ihnen dies sagen zu müssen.'
'Und wenn dies nun dennoch wäre?' fragte ich; 'kennen Sie denn die Geliebte des Kapitän?'
'Gott soll mich bewahren', entgegnete er. 'Nein, ich glaube er hat schon selbst genug an seiner Portugiesin.'
Ich staunte von neuem; 'Von einer Portugiesin sprechen Sie? wie kommen Sie nur darauf? Ich weiss bestimmt, dass der Kapitän eine deutsche Dame liebt.'
'Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland', war seine Antwort; 'wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben, und ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber – jeder Mann von Ehre wird diesen Schritt missbilligen.'
Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein schreckliches Geheimnis, und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.
Ich sagte dem Gesandten geradezu, dass er mit mir über Dinge spreche, die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel schuldig zu sein. 'Dieser Kapitän West ist ein Sachse', erzählte er; 'er diente früher im Generalstab, und wurde dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich zufällig, dass man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen, jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der