fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange hier bekannt?"
Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. "O ja, bin schon lange hier bekannt", antwortete er düster. "Ich war früher in Geschäften hier, jetzt zu – zu meiner Erholung."
"Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuss. Sie erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch seinen Fall meine schöne Hoffnung, ich war genötigt, mit ihm den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein? Ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben? Ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden? Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten sie passen."
Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnete er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Avantüre, er blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
"Ich erinnere mich", sagte er, "dass wir damals alle bedauerten, Ihre Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden, und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen könne, Sie haben einen höchst pikanten Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"
Ich sah ihn staunend an; "Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante gesehen zu werden, als an jenem Abend."
Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin, ins Haus seiner Tante zu verlocken. "Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?" fragte ich endlich, "ich war seit jenem Abend nicht mehr dort, und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in meinem Pass, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht habe!"
Er warf einen flüchtigen blick hinein und errötete; "Verzeihen Sie, Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte; "vergeben Sie, ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante. –"
"Ihrer Tante? für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"
"Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preussische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir, und liess mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu bewachen."
"Ist's möglich? und warum denn dies alles?"
"Ach, es ist eine dumme geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die – ein andermal davon – die ich nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den Spion. Vergeben Sie mir doch?"
"Unter zwei Bedingungen", erwiderte ich ihm. "Einmal, dass Sie mir erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spion zu sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für Sie, und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann – teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluss Ihres Abenteuers mit."
"Den Schluss?" rief er und lachte bitter, "den Schluss? ich wünschte, es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schliessen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen um diese Zeit hieher, wir könnten nicht ungestört reden: wer weiss, ob man nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat."
Ich folgte Otto von S.... – so hiess der junge Mann – unter die Arkaden. Er legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
"Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflösst", hub er lächelnd an; "ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es ist mir, in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, dass man Ihnen gerne vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das