wenigen Monaten in Berlin, im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem Ewigen Juden einen ästetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir damals ein so grosses Interesse eingeflösst hatten. Er war es, der uns damals eine Avantüre aus seinem Leben erzählt hatte, die ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.
Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes und die süsse Langeweile der ästetischen Tees im haus seiner Tante so drückend wurde, dass er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich beschloss seine Bekanntschaft zu erneuen, um über jenes interessante Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst, über seine Schicksale, etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer Säule des Portals, den blick fest auf die tür gerichtet; fromme Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein, ich sah, er blieb gleichgültig, wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der tür; war es die Form dieses Hutes, waren es die weissen wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte, was dem jungen Mann so reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber seine Augen glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen röteten sich, er richtete sich höher auf, und schaute unverwandt den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süsses Wesen heranschweben.
Wer, wie ich, erhaben über jede leidenschaft, die den Sterblichen auf der Erde quält, die Dinge betrachtet wie sie sind, nicht wie sie euch Liebe oder Hass, oder eure tausend befangenen Vorurteile schildern, dem ist eine solche seltene Erscheinung ein fest, denn es ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzükken er uns ihr Auge beschrieb; – ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass diese liebliche Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und dieselbe sei.
Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte den Hut gezogen, es war, als schwebte ihm ein Morgengruss, oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Grösse des Mädchens sei er verstummt. Auch sie errötete, sie schlug die Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden blick auf ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. Ich ging ihm einige Strassen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; dass es kein glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war, glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben.
Man wird sich erinnern, dass ich als hoffnungsvoller Zögling des Ewigen Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Café. Der junge Herr sass in einem Fenster, und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluss dieses riesengrossen Briefes zu blicken – es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
"Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
"Der bin ich", antwortete er, indem er den düsteren blick von dem Brief auf mich schlug, und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes erwiderte.
"Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glücklich, einmal einen Abend im haus Ihrer Tante in Berlin zu geniessen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergesslich machen."
"Im haus meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend. "Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich musste etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen."
"Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit –"
"Ah – mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister, jetzt erinnere ich mich ganz, er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottisen zu sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?"
"So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch so