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verzerrte Gesicht des geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die tür aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln mass er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, dass keiner der Anwesenden seinen forschenden blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, neben der Frau von Tingen Platz genommen, und die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen liess den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinem Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau v. Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des Ökonomierats so viel Verbindliches zu sagen wusste, dass sie einmal über das andere bis unter die breiten Brüssler Spitzen ihrer Busenkrause errötete, das feingeformte Füsschen der Frau von Tingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen liess.

"drei Mücken auf einen Schlag, das heisse ich dochmeiner Seel, aller Ehre wert", brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, "übermorgen", und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine sehr zerstreut, meinte sie "I fl. 30 kr. die Elle".

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht daran dachte, dass er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja durch ein paar ottave rime sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte; und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten Katedermann bei weitem überlegen, führte ihn so aufs Eis, dass die leichte Decke seiner Logik zu reissen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafür Anlass zu desto feindseligeren Blicken zwischen Frau von Trübenau und Frau von Tingen. Diese hatte, ihrer schönen runden arme sich bewusst, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingiessen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln; jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, dass das Bestreben, sich gegenseitig soviel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu färben, und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit einem Mal, als sei man, ich weiss nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten; allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und jauchzte und wusste nicht über was? man kicherte und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte; wirklich, es war Natas, der dem Professor zuhörte, und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.

"Nicht wahr, meine Herren und Damen", schrie der Punsch aus dem Professor heraus, "Sie haben vorhin selbst bemerkt, dass unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Tingen, gnädige Frau! sagen Sie selbst; namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in grosser Verlegenheit; "ich erinnere mich", gab ich zur Antwort, als alles schwieg, "von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben, und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgeführt."

Der Benannte verbeugte sich, und meinte, es sei gar zuviel Ehre, ihn unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder alles.

"Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!" sagte er, "ich behauptete, dass mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben; wissen Sie noch, gnädiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer umher und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.

"Da hat man's ja deutlich", rief der Professor, "dort läuft er als Barighi umher."

"Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau, "bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi zu haus, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da hereingekommen ist."

"Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige