seinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen gewöhnlichen "Bruder Lüderlich", als welchen sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und – muss nicht diese Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?
Doch ich schweige; an geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und meine verehrte Grossmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
"Söhnchen! Diabole! Bedenke, dass ein grosser Dichter ein grosses Publikum haben, und um ein grosses Publikum zu bekommen, so populär als möglich sein muss."
Siebzehntes Kapitel
Der Besuch
Bei diesem allem bleibt "Faust" ein erhabenes Gedicht, und Goete einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, dass ich ein grosses Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können, ja wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweile zu erscheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
Ich entschloss mich daher, als Doctor legens, ein ehrsamer Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere; kommt ein ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, dass er in der Schenke den Hausknecht fragt: "Wann kann man den Löwen sehen, Bursche?" "Mein Herr", antwortet der Gefragte, "die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."
Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der grossen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gastof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goete vorkommen könnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem gefährten etwas unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks bei uns hätten?
Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. "Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken."
Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir liessen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und gehe von da wieder heim; übrigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens Supfer, wie ich mich nannte, und Fortill aus Amerika, waren auf fünf Uhr bestellt.
Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statüen dekorierte Treppe führt zu ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten; schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Meubles. So hatte er sich wohl das "Stübchen des Dichters" nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Grösse des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht; sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten musste.
Ich hatte indes Musse genug, über den grossen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge, offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der tür alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Trone steht, sie in seine arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. – Goete hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, dass der Mensch kann, was er will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Höheren geführt habe – das Zeitalter hat ihn gebildet.
Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben "Werter" in das liebe Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen; die Zahl der Werter war Legion. Aber was war hierin Goetes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, musste Pfaffe