", fuhr ich in der Dissertation fort, "und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, dass Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.
Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiessbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiss und darum unanständig jammert."
So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich gebe noch heute zu, dass die Auffassung wie jeder idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über das Böse richten muss; dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen berühmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es entschuldigt ihn nicht darin, dass er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat.
Der Goetische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die Bocksfüsse hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Baret verborgen – siehe da den Teufel des grossen Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die grosse Kunst des Mannes, dass er tausend Fäden zu spinnen weiss, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft. – Halt Freund! ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht, und sich nie von ihm beherrschen lässt, ist es eines solchen Dichters würdig, dass er sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt; sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?
Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, dass unter diesem volk mancher eine Perücke trägt, würde ein solcher nicht in Gefahr sein, dass ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder zur Erde stürzte? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten strömt.
Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?
Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine Schenke schreiben, hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Kölnisches wasser, so für alle Schäden gut ist?
Aber, um wieder auf Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, dass er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goete offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: "Wie herrlich! das ist der Teufel wie er leibt und lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich wenig, sie sind vergnügt, dass es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
"Aber erkennst du denn nicht", wird man mir sagen "erkennst du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?"
Ironie? und welche? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei, als den gemeinen "Ritter von dem Pferdefuss", wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muss:
"Gesteh ich's nur, dass ich hinausspaziere,
verbietet mir ein kleines Hindernis
der Drudenfuss auf Eurer Schwelle";
und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten
"Bedarf ich eines Rattenzahns",
daher befiehlt:
"der Herr der Ratten und der Mäuse,
der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"
in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne dass der Doktor Faust dreimal "Herein!" ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau Marta und in Gretchens Stübchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
"gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur
Worte hört,
Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"
Doch weiter. Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuss mit den Hexen. Die in der Hexenküche hätte mich gewiss liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefuss, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache