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, dass ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen:

Du weisst, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suchenun verziehe dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen Fünfz'ger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen –; nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grâce der Hut gezogen, und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgemäss, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Strasse; ich ging also, um die weissseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Haus meiner Schönen war der Schmutz reinlich in grosse Haufen zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und musste den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz über diese Reinlichkeit! ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen Bogen und – o Unglücker entwischt meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, dass nur noch die Spitze hervorsieht.

Wie schön sagt Schiller:

'Einen blick

nach dem grab

seiner Habe

sendet noch der Mensch zurück.'

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? aber dann war zu befürchten, dass er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?

Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige lachen meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem gegenüber stehenden Kaffeehaus, Husarenlieutenants, Schreiber, Kaufleute brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und 'Hussa, Sultan, such verloren!' tönt die stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den verlornen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und präsentiert mir das triefende corpus delicti.

Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Café, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich einen zärtlichen blick, den letzten, hinauflaufen liess, sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor lachen zu bersten; da verlor ich von neuem die Fassung. Wütend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spass, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich liess ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen stürzten nach und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gastofes stürzte.

Dass es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um täglich meine Fensterparade zu bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:

"Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher, besonders aber in der neuern aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im geist, dass ich damit zittern und sie verschütten werde; kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiss aus, die Saucière klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach undrichtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen drap d'or, oder genuesischen Samtkleid, dass alles im schönsten Fett schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne den Schosshund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grössten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so fasst mich irgendein Unheil noch zum Schluss, dass