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solche vortreffliche Stellen wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: 'Mitternacht, dumpfes Grausen der natur, Rüdengebell, Ritter Urian tritt auf.'

Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie fühlte ich da das 'Grausen der natur!' und wenn der Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen, dass sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte tür hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als 'Ritter Urian trete auf'.

Was war natürlicher, als dass bei so lebhafter Einbildungskraft, auch mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihren Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem, den Schlossberg hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliotek, und suchte dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen rücken mehr hatten, oder vom Lesen so fett geworden waren, dass sie mich ordentlich anglänzten. Das sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein 'Rinaldo Rinaldini' ein 'Domschütz', ein alter 'Überall und Nirgends', oder sonst einer unserer Lieblinge.

Zu haus band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn Amalie war sehr reinlich erzogen, und hätte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit blossen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber, und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne dass mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.

Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines grossen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses bekommt, und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wusste Amalie ihre Rolle zu geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! wie liebte sie den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze in unserm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Achazien) sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr gefährlich waren) tausend Dolche lauern auf ihn, aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füssen seiner Herrin.

Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, dass wir eigentlich gar kein Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter, meinem Vater, und dem reichen Fürsten (dem Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war, und auf seinen Mistbeeten spazierenging; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen liess (weil mein Vater eine sehr grosse Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe, und diente nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein, und von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber belehrte und tröstete mich meine 'Herrin'. Sie entdeckte mir nämlich, dass des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber habe gewiss unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige Art an mir räche. Ich liess die Gute auf ihrem Glauben, wusste aber wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wusste, dass ich die unregelmässigen, griechischen Verba nicht lernte, und dafür bekam ich Schläge.

So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten sich mit einem Mal zwei Unglücksfälle, wovon schon eines für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqéschen Romane anfingen, in meinem vaterland Mode zu werden...."

"Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord.

"Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet