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ans Fenster, wir alle folgten seinem Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und unbewohnt; auf der Türschwelle sprosste Gras, die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.

'Ein hübsches Haus da drüben', begann der Alte zu dem Wirt, der immer in der dritten Stellung hinter ihm stand. 'Wem gehört es?' 'Dem Oberjustizrat Hasentreffer, Eurer Exzellenz aufzuwarten.'

'Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er aus; 'der würde mir es nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Anwesenheit kundtäte.' Er riss das Fenster auf, 'HasentrefferHasentreffer', schrie er mit heiserer stimme hinausAber wer beschreibt unseren Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir wohl verschlossen und verriegelt wussten, ein Fensterladen langsam sich öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weissen Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Haus zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichtes, war der gegenüber der nämliche wie der, der bei uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren stimme über die Strasse herüberrief: 'Was will man, wem ruft man? he!'

'Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder stimme, indem er sich bebend am Fenster hielt.

'Der bin ich', kreischte jener, und nickte freundlich grinsend mit dem kopf; 'steht etwas zu Befehl?'

'Ich bin er ja auch', rief der auf unserer Seite wehmütig, 'wie ist denn dies möglich?'

'Sie irren sich, Wertester', schrie jener herüber, 'Sie sind der dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, dass ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

'Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust herauf. 'In meinem Haus ist der Satan, und will meine Seele; – vergnügten Abend meine Herrn'; setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bückling zu uns wandte, und dann den Saal verliess.

'Was war das?' fragten wir uns, 'sind wir alle wahnsinnig?' –

Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Strasse stieg. An der Haustüre zog er einen grossen Schlüsselbund aus der tasche, riegelteder im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu –, riegelte die schwere, knarrende Haustüre auf, und trat ein.

Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah wie er dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen und zitterten: 'Meine Herren', sagte jener, 'Gott sei dem armen Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.' –

Wir lachten den Wirt aus, und wollten uns selbst bereden, dass es ein Scherz von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen können, ausser mit den überaus künstlichen Schlüsseln des Rats, Barighi sei 10 Minuten, ehe das Grässliche geschehen, noch an der Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende Maske anziehen können, vorausgesetzt, auch er hätte sich das fremde Haus zu öffnen gewusst. Die beiden seien aber einander so greulich ähnlich gewesen, dass er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht hätte unterscheiden können. 'Aber um Gottes willen, meine Herrn, hören Sie nicht das grässliche Geschrei da drüben?'

Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus dem öden haus herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock am Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.

Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Strasse, die grosse Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich niemand hören lassen: da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die tür auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren verschlossen; eine ging endlich auf, in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.

Von Barighi hat man weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen."

Drittes Kapitel

Der schauervolle Abend

(Fortsetzung)

Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir sassen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.

"Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, dass er unzählige Male für einen andern gehalten wurde, oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden