den Löwen sehen, Bursche?" "Mein Herr", antwortet der Gefragte, "die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."
Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der grossen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gastof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goete vorkommen könnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem gefährten etwas unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks bei uns hätten?
Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. "Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken."
Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir liessen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und gehe von da wieder heim; übrigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens Supfer, wie ich mich nannte, und Fortill aus Amerika, waren auf fünf Uhr bestellt.
Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statüen dekorierte Treppe führt zu ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten; schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Meubles. So hatte er sich wohl das "Stübchen des Dichters" nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Grösse des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht; sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten musste.
Ich hatte indes Musse genug, über den grossen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge, offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der tür alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Trone steht, sie in seine arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. – Goete hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, dass der Mensch kann, was er will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Höheren geführt habe – das Zeitalter hat ihn gebildet.
Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben "Werter" in das liebe Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen; die Zahl der Werter war Legion. Aber was war hierin Goetes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, musste Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in wunderlichen Kapriolen ihren SanktVeits-Tanz beginnen? Wie heisst dieses grosse schöpferische Geheimnis? Alles zu rechter Zeit. Der "Siegwart" hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goete.
Die tür ging auf – er kam.
Dreimal bückten wir uns tief, und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut; er war angetan mit einem feinen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern. – Doch er liess uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen; mit der feinen Wendung eines Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns zum Sitzen ein.
Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske zu ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiss wenige; daher kam es auch, dass er sich meist mit meinem gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben. Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kapanen von Louisiana über ihn und seinen "Wilhelm Meister" sich unterhalte? – So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer Gefährte durfte