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Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandteit in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die tür ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut geführt zu haben; ich merkte, dass der Besprochene sich eingefunden habe und sah –"

"Nun? ich bitte Sie! denselben, der uns" – "denselben, der uns seit einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts Übernatürliches, aber hören Sie weiter: zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gastofs unterbrach: 'Meine Herren', sagte der Höfliche, 'bereiten Sie sich auf eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor; der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus, und zieht morgen ein.'

Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem Gastof behauptete, teilte uns den Schwank mit: 'Gerade dem Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem grossen öden Haus; er ist Oberjustizrat ausser Dienst, lebt von einer anständigen Pension, und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'

Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie z.B. dass er sich selbst oft grosse Gesellschaft gibt, wobei es immer flott hergeht. Er lässt zwölf Couverts aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere unsrer Marqueurs hat die Ehre zu servieren. Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich? Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein grosses Kreuz, liegen auf den Stühlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding soll so greulich anzusehen sein, dass man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer einmal bei einem solchen Souper war, geht nicht mehr in das öde Haus.

Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt, und kehrt erst den andern Morgen zurück; nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr täglich sieht, speist zu Mittag, und stellt sich nachher an ein Fenster, und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.

'Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.

Pflichtmässig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: 'Dem Herrn Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten'". – "Aber Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit unserem Natas zusammen?" fragte ich.

"Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor", antwortete jener, "es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut also das Haus und erfährt, dass es dem Hasentreffer gehöre. 'Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er dann, reisst das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus, und schreit 'Ha-a-asentrefferHa-a-asentreffer.'

natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann, 'Der Alte würde es mir nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte', nimmt Hut und Stock, schliesst sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor.

Wir alle", fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, "waren sehr erstaunt über diese sonderbare Erscheinung, und freuten uns königlich auf den morgenden Spass. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem Oberjustizrat vorhabe.

Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise wurde von zwei alten Kleppern die Strasse herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus; 'Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer', tönte es von aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloss sich ihm an; so gelangte er ins Speisezimmer.

Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht, als damals, denn mit der grössten Kaltblütigkeit behauptete der Alte, geraden Weges aus Kassel zu kommen, und vor sechs Tagen in Frankfurt im 'Schwanen' recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert musste Barighi verschwunden sein, denn als der Oberjustizrat aufstand, und sich auch die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu sehen.

Der Oberjustizrat stellte sich