Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. zwölf Kerzen waren verlöscht. Noch einmal erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze, und zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem Chor, und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als wär ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestossen in eine fürchterliche Nacht.
Da tönten aus des Chores hintersten Räumen, süsse klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.
Der Gesang war verklungen, fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoss sich durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rüsten, da gewahrte ich erst, dass meine schöne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken lag. Ich fasste mir ein Herz.
'Signora', sprach ich, 'die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in der Kapelle.'
Keine Antwort. Ich fasste ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich musste alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner hülfe die Dame aufzurichten.
Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug. Der düstere Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weissesten Perlen, konnte Gram, konnte Scherz so gezogen haben.
Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf, dessen eigener, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, dass ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher, liess dann ihre Blicke auf mich herübergleiten:
'Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, wohlklingendem Deutsch.
Wie war mir doch so wunderbar! sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? – Sie schien verwundert über mein Schweigen.
'Nicht bei Laune, Freund? und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt? Doch! lassen Sie uns gehen, es wird spät.'
Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand.
Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht möglich – das Mädchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wusste mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. – Ich wagte es – ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers, und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Strasse sollt ich wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen, und schritt auf die mittlere Strasse zu.
'Mein Gott', rief sie aus, und zog meinen Arm sanft seitwärts, 'Otto, wo sind Sie nur heute, hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'
Oh! wie hörte ich so gerne diese stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen mund. Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet, um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehört; es musste offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuss erwarteten.
'Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach könntest du mir zürnen, dass ich die Lamentationen hörte? Oh! zürne mir nicht. Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden, und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen, und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich so allein auf der Erde', weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des himmels tauchte, 'wie bin ich so allein – und wenn ich dich nicht hätte, mein Otto.' –
Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste, lieblichste Kind im