Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!"
"Ich bedaure dich recht; aber weisst du auch schon etwas ganz Neues? dass sie bei der Garde andere Uniform bekommen?"
"Ist's möglich? o sage, wie denn? woher weisst du es?"
"Höre, aber im engsten Vertrauen: denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit: sieh, die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das weiss aber der Oberst, und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiss; – Eduard muss aussehen wie ein Engel – siehe bisher..."
Sie flüsterten jetzt leiser, so dass ich über den Schnitt der Gardeuniform nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, dass schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes Feuer haben, dass sie aber viel reizender leuchten, bei weitem glänzendere Strahlen werfen, wenn sich sinnliche Liebe in ihnen spiegelt.
Dreizehntes Kapitel
Angststunden des Ewigen Juden
Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der "Gabriele" zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden fräulein nicht genug bewundern, obgleich sie nicht den kleinsten teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, dass sie voll Bewunderung schienen; die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fasste ihre Hand und drückte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuss, den sie allen bereitet habe.
Diese Dame sass aber da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die "Gabriele" selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass sie selbst vielleicht einigen Einfluss auf das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, obgleich man allgemein überzeugt war, dass die "geniale Freundin" nichts aus dem inneren Wollauschen Leben gespickt haben werde.
Der Ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht; doch war das Bemühen, nach meiner Vorschrift ästetisch oder kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, dass er einigemal während des Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog, und die Dame des Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.
Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und glaubte alles wiedergutgemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm gegenüber sass, ihren Einfluss auf die Dichterin mitteilte, musste das preziöse geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, dass er laut auflachte.
Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah; die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt zurechtweisen, als dieser, mit mehr Gewandteit und List, als ich ihm zugetraut hätte, sich aus der Affaire zu ziehen wusste:
"Ich hoffe, gnädige Frau", sagte er, "Sie werden mein allerdings unzeitiges lachen nicht missverstehen, und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiss auch schon begegnet, dass eine Ideenassoziation Sie völlig ausser Contenance brachte, ist doch schon manchem, mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgestossen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf einmal hervor, so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."
Gnädige Frau, höchlich erfreut, dass der Anstand doch nicht verletzt sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte und der Ewige Jude begann: "Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt, sie hat uns erzählt, wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.
Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offenstand; die schöne Welt liess sich dort, zu Fuss und zu Wagen, jeden Abend sehen; ich wählte die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken mir und