? wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu erscheinen! nippen, schlürfen, höchstens trinken – aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, dass wir nicht Spott erleben,. Ahasvere!"
Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es dem Alten wohl an, dass ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto bänger zumut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, dass er alle Augenblicke anstiess. So fragte er z.B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche wir fahren, aus lauter Christen bestehe, zu welcher Frage jener natürlich grosse Augen machte, und nicht recht wissen mochte, wie sie hieher komme.
Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Grösse des ältern Fräuleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenen Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem grossartigen, interessanten Schmerz zehren.3 Das jüngere fräulein, frisch, rund, blühend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardelieutenant, der aber, weil er der ältern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästetischen Tee komme. Sie habe die schönsten Stellen in Goete, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen Rouladen; ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen.
Die übrige Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein4 werden wir selbst näher kennenlernen.
Der Wagen hielt, der Bediente riss den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan; ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen; Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten tür des Salons, auch diese flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, sass im Kreise die Gesellschaft.
Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone, und reichte uns die schöne zarte Hand, indem sie uns freundlich willkommen hiess; mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fasste ich diese zarte Hand, und hauchte ein leises Küsschen der Ehrfurcht darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die nämliche Gunst; aber o Schrecken! indem er sich niederbückte, gewahrte ich, dass sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe; die gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuss, aber der Anstand liess sie nicht mehr, als ein leises Gejammer hervorstöhnen; wehmütig betrachtete sie die schöne weisse Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich genötigt im Nebenzimmer hülfe zu suchen; ich sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb; sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so dass doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet.
Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wusste ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, dass sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein schien, und sogar der "alte Sünder" selbst nichts von dem Unheil ahnete, das er bewirkt hatte.
Die einzige Strafe war, dass sie ihm einen stechenden blick für seinen stechenden Handkuss zuwarf, und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.
Die Leser werden gesehen haben, dass es ein ganz eleganter Tee war, zu welchem uns der Dichter geführt hatte; die massive silberne Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm, schwarz und weiss gemischt war, liessen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schliessen.
Der Tee wies sich aber auch als ästetisch aus; gnädige Frau bedauerte, dass wir nicht früher gekommen seien; der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den Schlussreimen, dass man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe; es stehe zu erwarten, dass es allgemein Furore in Deutschland machen werde.
Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören bekommen.
Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung; eine ältliche Dame liess