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etzliche Lehrer von den Katedern gestiegen sind, und sich unter diese himmelstürmende Zyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muss befürchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

"Vom Erstechen will ich gar nicht reden", sagte ein anderer, "es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, einen Brustarnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, dass sie nachts viel bessere gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, dass sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen, und sangen ihr "ça ira, ça ira", nämlich: "Die Burschenfreiheit lebe" und das erhabene "Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten Herren, dass sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach haus zu gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bisschen Psychologie musste mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten liessen. Und gewiss! meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnificus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, dass die Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde "mein wertgeschätzter Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: "Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergisst der Höhere so leicht, als dass der Niedere ihm in der Stunde der Not zu hülfe eilte, nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen, als jene Not, wenn er sich dabei eine Blösse gegeben, deren er sich zu schämen hat.

Nach der Miene des Magnificus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit grosser Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.

"Demagog kommt her von δημος und αγειν. Das eine heisst Volk, das andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog, als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, dass Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten? Dass Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein Demagog." –

Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen; "Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?" "Vollkommen, Euer Magnifizenz", versicherten jene und schnupften.

"Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt", fuhr der Mediziner fort; "das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind: so haben Sie sich durch Ihre Saltus mortales und Ihre übrigen Künste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?"

"Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

"Demagogen", fuhr er fort, "Demagogen schleichen sich ohne bestimmten äussern Zweck ins Land, und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder gar nachzuschreiben; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat bemerkt, dass Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem Punkt der Anklage würdiger gemacht, als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

"Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen unisono und liessen die Dose herumgehen.

Mit Majestät richtete sich Magnificus auf: "Wir glauben hinlänglich bewiesen zu haben, dass Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen, darum verteidigen Sie sich. – Aber mein Gott! wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schloss sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir, dass sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, dass man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Concilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuss.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich