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mit mir gegangen, o mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?"

"Was weiss ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich lächelnd zur Antwort. "Mit mir auf keinen Fall!"

"Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus", heulte die wütende Frau, "was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiss; der alte Sünder, der Schandenmensch! man weiss seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er scharmuziert!"

"Das hat mir der böse Feind angetan", raste der Doktor und rannte im Zimmer umher; "der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker."

"Der Rausch hat dir's angetan, du Lump", schrie die Zärtliche, riss ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir, dem Doktor ist ganz recht geschehen, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er.

Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht, und konnte, selbst mit den kühnsten Konjekturen, den Eifer nicht mehr erwekken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend geherrscht hatte. Die Kollegingelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Massstab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt.

Zehntes Kapitel

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen

und verhört; er verlässt die Universität

Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, man betrachte alles durch das Vergrösserungsglas, welches Angst und böses Gewissen vorhielten. übrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen .....en spukte es in manchen Köpfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umriss von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den "Burschen" umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, dass viele unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige grosses Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer teil auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, dass ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, dass die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.

Besonders aber äusserte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von –. Doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, dass es schien, als hätte eine grosse idee viele Herzen ergriffen, sie zu einem Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandteit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wussten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinandergeknetet, dass kein Teseus sich aus diesen Labyrinten herausgefunden hätte.

Ich merkte oft, dass einer oder der andere der Koryphäen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und grosse Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschliessen, schien sie, ich weiss nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen, wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch meinen Einfluss auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, dass ich als Demagoge verhaftet sei.

Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der Hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über meine politischen Verbrechen vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultäten, der Rector Magnificus, ein Mediziner, und der Universitätssekretär sassen um einen grünbehängten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir