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ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei; und wie glücklich waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, vollständiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, waren sie die alten wieder; man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den grossen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus zuzogen, angesehen, dass sie die Stammhalter der Ortodoxie seien, und recta via von der kühnsten Konjektur des grossen Dogmatikers herkommen?

So schloss sich mein erster teologischer Unterricht, ich war, wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Teologen dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der oberste unter ihnen solche grasse Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der ortodoxen saephael oder Dr-ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie auszuführen.

Achtes Kapitel

Der Satan bekömmt Händel und schlägt sich;

Folgen davon

Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit fleissig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennenzulernen, da geschah es eines Tages, dass ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal höre ich hinter mir eine stimme, "Pfui Teufel! wie riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Teologen, der mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese Äusserung "pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem Augenblick aus des Teologen mund nur auf mich, als den "Herrn im Kot" bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, dass ich mir solche Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der "Burschen", das man Komment heisst, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der Teologe, ein tüchtiger Raufer, liess mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein solcher Spass war mir erwünscht, denn wer sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, musste sich damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm ausgezogen, und der "Paukwichs", das heisst, die Rüstung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fussbreiten Binde, die über den Bauch geschnallt wurde; sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt; eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, einen teil der Schultern und den obern teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein, aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rüstung gepresst, nahm sich komisch genug aus; doch gewährte sie grosse Sicherheit, denn nur ein teil des Gesichtes, der Oberarm und ein teil der Brust war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht entalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete; der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu schlagen!

Meine Genossen aber nahmen dieses lachen für einen Ausbruch der Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und führten mich in einen grossen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den "Schläger" vorantragen zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Szepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit grossem, schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenüber; der Teologe machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden, die Sekundanten schrien "los", und unsere Schläger schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich schönen und mit grosser Kunst ausgeführten Angriffe des Gegners, denn mein Ruhm war grösser, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte, und erst im vierten, fünften gang ihm eine Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte