möchte doch nicht so sicher sein", sagte ich. "Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten; wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen."
"Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre Dame?" fragte der Baron, "was hat denn dieses Tier zu bedeuten."
"Das ist, wie ich von der Teaterdirektion vernahm, der Affe Jocko, der sonst diese Leute im Teater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprüngen schliessen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen."
"God damn! was Sie sagen; doch Sie scheinen mit der Teaterdirektion bekannt; sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird; wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."
"Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat", antwortete ich; "es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, das der Reis-Effendi den Gesandten hoher Mächte gibt. Das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht ein Rostbeuf von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluss wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner muhamedanischen Majestät eröffnet."
"Ei!" rief der Marquis; "was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen. Ihre Londner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommet, meine Freunde; wir wollen lieber noch die geschichte des Herrn von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!"
Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf, und verliessen mein Teater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben Fluche zurück, und rief:
"Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!"
Ende des zweiten Teils
Fussnoten
1 Was der Satan hier ernstaft und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat der Teologie, der seine erste Predigt drucken lässt! Anm.
d. Herausgebers.
2 Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es müsste denn die Einleitung zum Besuch bei Goete sein. 3 Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriss des Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen; im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gusseisernen Kruzifix; eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentümerin höchstens "O Sanctissima" darauf spielen kann; ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen von etzlichem sinnigem Efeu umrankt; sie selbst in weissem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand ein Spiegel. 4 Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen fräulein zu unterscheiden, unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die, welche man den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend; denn man wird mir zugeben, dass die bürgerlichen fräulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten. 5 Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen, "nach dem Ziel der Veredlung" – Der Herausgeber 6 Gehen Sie doch! meinen Sie denn, ich glaube daran? 7 Die Fortsetzung dieser Novelle findet sich im zweiten Teile. Der Herausgeber 8 Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung: Wenn ich nicht irre, so ertappt man hier den Satan auf einer grösseren Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiss hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als dass er ihn mit etwas lebhaften Farben als hässlich darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, dass er oben in dem zweiten Abschnitt selbst gesteht, dass durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sein; Meister Urian gibt sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Missgestalt rügt, eine Blösse, die ihm nicht hätte beigehen sollen. 9 Jean Paul. "Flegeljahre". 10 Romane von Cramer. (Der Herausgeber) 11 Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und floh. Er wusste, dass sein Bruder, der in Bregenz in einem österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mörder wandte sich dortin, zeigte sich in der Gegend, liess sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spiessruten jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.
Wilhelm Hauff
Erzählungen
• Phantasien im Bremer Ratskeller
Erstdruck: Stuttgart (Franckh) 1827.
• Jud Süss
Erstdruck: 1827 im "Morgenblatt".
• Die Bettlerin vom Pont des Arts
Erstdruck: 1827 im "Morgenblatt".
• Das Bild des Kaisers
Erstdruck: Dresden 1827 im "Taschenbuch für
Damen".