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auf die Phantasie, die schöne romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Rauhritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen, wir üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise, und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren, und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

"Herr von Garnmacker", unterbrach ihn der Marquis de Lasulot; "ich würde Ihre geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal, und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!"

"Sie haben recht", sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein Sixpencestück zuwarf, "der Herr von Garnmacher weiss auf unterhaltende Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind?"

"Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung, "Sie wollen also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? Oh, meine Herren, meine geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden."

"Sie können recht haben", erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln, "aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen können."

"Nein, wirklich! ich bin gespannt auf Ihre geschichte", sagte der Marquis lachend, "aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzählung möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir."

"Gut", antwortete der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. "Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine grosse Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschliessen zu können."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleiches ist möglich, dass Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in manchem hervorbringe; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, dass dieser Geburtstag meiner lieben Grossmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegfeuer, wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in .........

Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller zeiten; Teologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: "Zu unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum dass noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen, und einer Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit verkümmert, und die grosse Welt strömte schon zum Teater.

3. Das Teater im Fegefeuer

Man wundert sich vielleicht über ein Teater im Fegefeuer? Freilich ist es weder Opera buffa noch seria, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Liesse ich von Zacharias Werner eine schauerlichtragikomischhistorischromantischheroische Komödie aufführenwie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa "Die Kleinstädter in der Hölle", wie würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung gestroffen.

Mein Teater spielt grosse pantomimische Stücke; welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekömmt eine einen Erlaubnisschein als revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es mir, was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? was nützt es dem Mann, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt

"Eine kalte weisse Hand,

wen erblickt er? seine Wilhelmine