Worten nichts zu sagen, ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse spricht, und sich doch mit keinem Wort verraten will.
Die vierte Klasse ist die lobhudelnde. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei; die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich machen. Die fünfte Klasse ist die grobe, ernste; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als dass man öffentlich davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die sechste Klasse ist die Totschläger-Klasse. Sie ist eine Art von Schlachtbank, denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache, niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein, und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie."
"Aber, wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.
"Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und – wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! 'Ein Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!' In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen, und sich zu Helden an ihm beissen, wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus springt,
'und zieht den Degen
und fällt verwegen
zur Seite den wütenden Ochsen an –'
da freut sich das liebe Publikum, und von 'Bravo!' schallt die Gegend wider!"
"Das ist köstlich!" rief der Engländer, doch war man ungewiss, ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm; "und ein solcher Klassen-Kritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"
"Mein onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen musste. Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem Vormittag ein Buch las, und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es sich, dass er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtolz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, dass es grosse Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so grossen Holzstoss zu, als die Sancta simplicitas in Konstanz dem Huss, und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten bis er ganz schwarz war."
"Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen über einen Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!"
"Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegyrikus gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt."
"Aber dann geht er förmlich über", bemerkte der Marquis; "aber Ihr onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."
"Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und Handarbeiten weit gebracht", erwiderte mit grosser Ruhe der junge Mann. "So auch in der Kritik. Als mich nun mein onkel so weit gebracht hatte, dass ich nicht nur ein Buch von dreissig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste, von welcher Partei sie war; so gebrauchte er mich zur Kritik. 'Ich will dir', sagte er, 'die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Mass tun. Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiss haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.'
So sprach mein onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert