das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermassen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allentalben umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte: sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. Die übergrosse Anstrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank, und in seinem Wagen nach haus gebracht werden musste.
Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm, und bewies sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka, das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
"Gotts Wunder! Gotts Wunder! was war das für noble Gesellschaft, für gesittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelöffelchen, kein Dessertmesserchen oder Zuckerklämmchen ist uns abhanden gekommen! Gotts Wunder!"
Der Festtag im Fegefeuer
Fortsetzung
Am Horizont in diesem Jahr
Ist es geblieben, wie es war.
M. Claudius
1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine
geschichte zu erzählen
Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die geschichte des jungen deutschen Schneider-Baron zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen, und erzählt was ihm unterwegs begegnete.
"Meine Herren", fuhr der edle junge Mann fort, "als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, dass ich eineinen halberwachsenen Jungen mit einem älteren Mann gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem onkel, dem Herrn von Garnmacher in der Doroteenstrasse in Berlin erzählte. 'Euer onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!' erwiderte er, 'o du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm, und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!'
Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach und nach aber wusste mich mein Begleiter zu trösten: 'Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. 'Ei, man hat mich doch in Dresden so viel gesehen', fuhr er fort; 'alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen Griechen.'
Jetzt fiel mir mit einemmal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gastof und liess den jungen Atener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Überschuss für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Mann meine Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise.
'Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen, er wusste wohl, dass ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er gestand mir, dass der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht hätten."
"Wie?" unterbrach ihn der Engländer, "selbst in Deutschland nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen lässt."
"Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland", antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, "was einmal in einem anderen land Mode geworden, muss auch zu uns kommen. Das weiss man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele und dicke Bücher darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns und man sah diese Leute mit grossen Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte, wohin? so antworteten sie: 'In den heiligen Krieg, nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun etwa eine Frau, oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, dass es nach Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden