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füttern, und dergleichen solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Trutahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat waschtsieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge; Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, den Hut tief in den Nacken zurückgedrückt umher, und fragen einander, "Nu, wie stehen sie heute?" Du wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, dass du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr; drauf steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: – "Börsenhalle". Also in der Börsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich; du hörst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflüster; die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: "Ä Korrier es Wien? – Gotts Wunder. Wer hat'n gekriecht?" "Ä Fremder, der Zwerner von Dessau." – "Wie? kaner von unsere Lait? Nicht der Rotschild, der grausse Baron, nicht der Betmann? Auch nicht der Mezler? Waas."

"Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

"Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!"

"Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der ReisEffendi? hat er oder hat er nicht? Wie werden se stehen?"

"Ich hab's genug, 'sis a Vertel auf eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrecka vor die Korrier. Wär nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der Rotschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strasse. Wirst sehen, 's wird geben ä grausse Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, ass er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

"Betmannische Obligationen, will man nicht kaufen, sind gefallen um Vertelpurzent!"

"Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Mezler? Wie stehen se, Abraham? tu mer de Gefallen und sag, die Metalliques, wie stehen se?"

"Ass ich der sag, ich weiss nicht, wo mer steht der Kopf, weiss heute keiner, wer iss Koch oder Keller? ass ich nicht kann riechen wie se stehen, die Metalliques!"

Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der tür zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf die Zehen, machen lange Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. drei Männer arbeiteten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihrem Platz zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist, wo nur die Mäckler umherlaufen und sich drängen. Es war der grosse Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater-Rock und einer schneeweissen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so dass sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Ausserordentliches sich zugetragen haben.

Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer, und fragten nach den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher; sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füsse, kurz auf alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne, und auf Frankfurt und die Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären –! "Das Ultimatum ist angenommen", scholl es durch den Hof, "der Reis-Effendi hat zugesagt", hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die östreichischen, die Rotschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb, und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen-)haus zu verdanken, dass ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter Börsenhalle: