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sich wolle adeln lassen, und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln wäre.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen; sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen, "Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln beliebst, und meiner Elise dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl, komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Grossmutter, und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: "Du sollst den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gerücht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonders. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiss und Staub bedeckt, er sprengte, gräulich auf dem Postorn blasend, durch die Strasse, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Strassenlärm; "Wo kümmt Er här? Wo will Er hün?" riefen sie. "In Weissen Schwanen", schrie er, "ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weissen Schwanen?" "Der Herr is wohl Korrier?" "Freilich, nur schnell", rief er, und zog einen Brief mit grossem Sigill aus der tasche, "das kommt von Wien, und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weissen Schwanen." "Da an der Ecke geht's rechts, dann die Strasse links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit." So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann über die Strasse hinüber, was wohl die Depesche aus Wien entalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.

6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der

Börsenhalle

Im Briefe stand mit dürren Worten, dass der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, "dass die Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, annehmen werde".

Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte; er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R........ , dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau; er selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als dass er so leicht konnte hintergangen werden. Er liess daher ein Licht bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. "Gotts Wunder!" sprach er bedächtlich riechend. "Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann betrachtete er genau das Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, undsie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines PaarmalhunderttausendGulden-Männchen so obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen; so wuchs jetzt seine achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, dass man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche Summen dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche Winke bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle.

Börsenhalle! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hühner und Gänse