" fragte Rebekka, ihn etwas missfällig betrachtend.
"Mitnichten und im Gegenteil", erwiderte er, indem er den rücken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust herausfuhr, und mannhaft mit den Spörnchen klirrte; "mitnichten, habe sonsten eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer..."
Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien, oder auch von Schweinfleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken, und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?
"Nach meiner Gewohnheit!" rief das Kaninchen erschrocken, "ich ein Unruhstifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weissen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: 'Das ist auch so ein Stein des Anstosses, auch so ein Mystiker.' 'Herr Pfarrer', sagte ich, 'guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.' 'So, Sie wollen keiner sein?' antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so dass sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten; 'wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden und anderen Höfen geschimpft über mich, dass ich ein gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?' Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgeprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an; ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben, er behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren lasse, und dergleichen; und erst hier an der Gartentüre liess er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab."
"Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich; "halten denn die Pfarrer hier auf der Landstrasse Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?"
"In Frankfurt", belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, "in Frankfurt ist gegenwärtig ein grosser Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Partien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos, wird gekämpft, und so konnte es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die hände fiel. – Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre so fährt dort der Lord und seine Nichte; nicht so? und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?"
"Ah, sie hat mich bemerkt", rief das Kaninchen sehr freundlich, "sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, dass ich mich entferne; Miss Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affären –"
Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh küsste. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Bass begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, dass es schon etwas kühl werde. Der Jude liess daher seinen schönen Wagen vorfahren und verliess mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebekkchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der tür noch die Hand gedrückt und gestanden, dass sie sich diesen Nachmittag "janz fürtrefflich amüsiert habe", und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem haus zuzubringen.
5. Der Kurier aus Wien kommt an
Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebt; nicht von früheren zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand, und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Römer und beim Römer sass, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone geschmückt worden war, nein von den heutigen Tagen könnte ich dir viel erzählen, von dem