mich, ich erinnere mich; aber es liegt gerade in diesem Gedanken eine erstaunliche Tiefe – ein Chaos von Möglichkeiten –"
"Nu, kurz den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen, wie schwere vierhändige Sonaten mit tiefen Basspartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkurat so vor, wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest; es ist etwas Herrliches!"
"Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten; er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet; der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er auch im grund viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."
"O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, jiesst Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht; ich werfe Zucker in das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nicht, und ist ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lässt es sich dabei einschlafen!"
"Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen", rief lachend der alte Jude, indem er, den Desaster an der Hand, zu uns trat; "nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."
"Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören, wie werden sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? recht hoch? hab ich es erraten?"
"Stille Kind, stille! kein Wort davon! muss alles geheimgehalten werden! Muss einen grossen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiss zu rechnen, die Rebekkchen."
Was schlich denn jetzt durch das Gras? was hüpfte auf zierlichen Beinchen heran? was lächelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? war es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen, verliebt ist, und alle bezaubert? Er war es, er kam herangeschwänzelt.
Er schnaufte und ächzte als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches, süsses Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden blick auf die schöne Jüdin und sprach: "Habe die Ehre, vergnügten Abend zu wünschen; ich sterbe, mit mir geht's aus!"
"Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs was haben Sie doch? Ihre Wangen sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen; er antwortet nicht! Herr Tipplomat, Eau de Cologne! haben Sie keines bei sich in die tasche?"
So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein Eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen, und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wusste besseren Rat: "Da geht einer", rief er freudig, "da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölnerwasser in seiner Rocktasche!"
Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit schrecklichen Gebärden das Eaude-Cologne-Fläschchen abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen bald wieder zu sich; er schlug die Augen auf, seufzete tief und lächelte, "mich gehorsamst zu bedanken", lispelte er mit zitternder stimme, "für die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zumut; fast als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich."
"Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?