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"Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!" rief er feierlich; "so ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib, oder seinem Sohn, oder seiner Tochter das Geringste –"

"Schon gut! ich traue auf Ihre Diskretion, kurz, so viel kann ich Ihnen sagen, dass nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; ganz zu allernächst. Für oder gegen wen darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner –"

"Von Zwerner?"

"Nun, ich nenne ihn so, man weiss ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schliesse, er muss in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen."

"Der Zwerner?! ei, ei! wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

"Ja."

"Ei, darf man fragen? wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Effendi? Hat er?"

"Mein Herr Simon, ich bitte –"

"O ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

"Trauen Sie auf nichts, ich warne Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf autentische. Der Herr dort weiss vielleicht mancherlei, und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten."

"Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so ausserordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liesse?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog, und das lange Kinn aufwärts drückte, dass sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küssten. Dies war der Moment, wo er anbeissen musste, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

4. Das gebildete Judenfräulein

Wie war sie graziös, das heisst geziert, wie war sie artig, nämlich kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.

"Ich liebe die Tiplomattiker", sagte sie unter anderem mit feinem Lächeln und vielsagendem blick; "es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren; man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach Eau de Portugal!"

"O gewiss, auch nach Fleur d'Orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? kommen sie viel unter die Leute?"

"Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen hierbleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen; nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hôte, jehen auf die Promenade schön ausstaffiert comme il faut, haben zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen."

"Da haben Sie einen herrlichen Shawl umgelegt, mein fräulein, ist er wohl echt?"

"Ah, jehen Sie doch! meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Shawl hat mir jekostet achtundert Gulden, die ich in die Rotschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend; ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heisst, Leute von den jutem Ton wie unsereine."

"Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein fräulein! wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"

"Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd, "ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."

"Was lesen Sie? wenn man fragen darf."

"Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister; ich bin abbonniert bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weissen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."

"Lesen Sie Goete, Schiller, Tieck und dergleichen?"

"Nee, das tu ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in Frankfort; es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natürlich jenug. Nee, den Jöte lese ich nie wieder! das is was Langweiliges. Und seine Wohlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke; wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baroninach man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor –"

"Ich erinnere