nicht –"
"Geduld, noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir bei, ich muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?"
"Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien", gab ich ihm zur Antwort, "reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."
"Ah", rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlichköniglich an den Hut gegriffen hatte, "Le-Legationsrat, wirklicher, und nicht bloss Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmässiges in Dero Visage."
"Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe Ihnen nützlich sein zu können."
Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, "das neidische Gewölk", erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka des Juden Tochter, war nicht übel. – Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrükken, viel Race und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohlgelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda, und überliess es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflösst zu haben. "Haben da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein", bemerkte er wohlgefällig lächelnd; "habe immer eine Inklination für die Diplomatik gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, dass ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiss da gleich alles aus der ersten Hand; man kann viel komplizieren und dergleichen; was liessen sich da für Geschäfte machen!"
"Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhältnisse kennen. Allein aber schauen S', das Ding hat auch seinen Haken. Man weiss oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher."
Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. "Zeviel?" sagte er; "ich für meinen teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, Sie stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."
"Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"
"Gut, très bien bon! gut gegeben, hi! hi! hi! apropos, wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir schon näher und wurde verfänglicher.
"Herr Simon", sagte ich mit Artigkeit ausweichend, "Sie wissen, es gibt Fälle –"
"Wie!" rief er erschrocken, "Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?"
"Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des zärtlichen Seufzers zurückstiess und aufsprang, "doch kein Unglück? Mein Jott! doch nich hier in Frankfort?"
"Beruhigen Sie sich doch, gnädiges fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa über Politik, und rechnete einige Fälle auf; und er hat mich holter nicht recht verstanden."
Sie presste mit einem zärtlichen, hinsterbenden blick auf den erschrockenen Dessauer, ihre Hand auf das Herz und atmete tief. "Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von!" lispelte sie. "Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden und wären melancholisch jewesen?"
Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser: die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog als "das Gewölke" ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, dass nächstens die Metalliques und die ...... um drei Prozente steigen werden.
"Herr von Schmälzlein!" sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu sich genommen, "Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen!! Nun, Sie wollten sagen?"
"Es gibt Affären", fuhr ich fort, "wo der Diplomat schweigen muss. Über das Nähere meiner Sendung z.B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so viel kann ich Ihnen aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen! –