ist er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muss."
"Und Rebekka denkt auch so?"
"Wie soll sie andere Empfindungen kennenlernen in der neuen Judenstrasse? Ach! Ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der Börsenhalle! Man weiss hier, dass ich mich verführen liess, viele Metalliques und preussische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann; gewinnt der Grosstürke und sein Reis-Effendi, so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer, und nicht mehr würdig, um sie zu freien. Das weiss nun das liebenswürdige geschöpf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, dass die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi so viel Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!"
"Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle geschöpf?" fragte ich.
Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust. "Wie sollte ich sie nicht lieben", antwortete er, "bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! wie sollte man ein solches geschöpf nicht lieben!"
"Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"
"Oh, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen; sie weiss, dass bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preussisch; Sie sollten hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt, 'isssst es möchlich?' oder: 'Es jienge wohl, aber es jeht nich.'"
Der Seufzer gefiel mir; es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbiblioteken sammeln; sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn wenn sie abends durch die Promenade gehen oder sonntags, gekleidet wie Herren comme il faut, auf Kirchweihen oder sonstigen Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist; oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange um den "schönen, wohlgewachsenen, jungen Mann" weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, dass der Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, dass einer von sich sagte: Kaufmann oder Bänderkrämer, sondern: "Ich reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragte man in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten hören: Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupfund Rauch-, und dergleichen bedeutende Artikel. Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein "Schätzchen" zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, "ihre sehr interessante geschichte" erzählen, wie sie fräulein Jettchen beim Mondschein kennengelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen Annoncen von Gastöfen etc., ein Seidenpapier hervorziehen, das ein "Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten" entält.
glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit; und wenn es euch auch nicht zukommt, mit eingelegter Lanze à la Don Quijote eurer Jungfrauen Schönheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Comptoir-Spekulationen, Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von Höchst, oder von Langen, sondern von Wien, sogar mit autentischen Nachrichten kommen zu lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? und wenn Rotschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld ebensogut ist, als das des grossen Makkabäers?
Zwar ein solcher Sperling macht keinen Sommer; eine solche Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen; doch die Nüanzen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloss ich ihm zu nützen, ihn zu fangen.
"Ich bin", sagte ich zu ihm, "ich bin selbst einigermassen Papierspekulant