nach uns herüber zu drehen; mit süssem Lächeln fragte er: "Noch immer so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? etwa gar eifersüchtig auf meine Wenigkeit!"
An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art das "r" wie "gr" auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es, denn mein Nachbar antwortete: "Eifersüchtig, Herr Graf? auf Sie in keinem Fall."
Graf Rebs, so hörte ich ihn später nennen – faltete sein Mäulchen zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes knöchernes Kinn, und kicherte.
"Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht eifersüchtig? und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?"
"Ich war allerdings im Teater, habe aber nur vorwärts aufs Teater, und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken."
"Herr Oberkellner", lispelte der Graf, "Sie haben die Trüffeln gespart; aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und fräulein v. Rotschild, denn als ich auf Sie hinabwies – Kellner, ich trinke heute lieber roten Engelheimer, ein Fläschchen – ja, wollte ich sagen – das ist mir nun während des Engelheimers gänzlich entfallen, so geht es, wenn man so viel zu denken hat."
Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als dass er nicht weiter geforscht hätte. "Nun, auch fräulein von Rotschild hat bemerkt, dass ich melancholisch hinaufsahe", fragte er, indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüssen suchte; "freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette –"
"Richtig, das war es", erwiderte Rebs, "das war es; ja, als ich auf Sie hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit ihrem Jockofächer auf die Hand, und nannte mich einen Schalk."
Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die Schultern, und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen blick an. Er hatte nie so grosse Ähnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.
Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch mehr schnurren liess, als zuvor, sprach er: "Werter Monsieur Zwerner. Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jockofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur eine Façon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist", fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, "zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spässchen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?"
"Nein", antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
"Oh, ein deliziöses Kind! Augenbraunen wie, wie – wie mein Rock hier, einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes, ich möchte sagen so viel englische Race. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern, es ist auffallend aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich auffallend, in drei Tagen..."
"Nun so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn sagen?"
Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten rücken und den Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: "Sie ist in mich verliebt. Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht übelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."
"Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie, "wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese Engländerin ernstlicher zu verfolgen