inneren des Wagens glaubte ich jenes heisere lachen zu vernehmen, das ich von gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.
Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu übergeben befohlen; ich riss ihn auf –
"Verehrter, Wertgeschätzter!
Ich bin im Begriff, mein Ross zu besteigen und aus dieser Höhle des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. Dass unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen musste! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, dass dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war!
Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den armen Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne Tingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz. Gott gebe, dass er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu tief eingebissen, in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. Ich reisse mich los und mache, dass ich fortkomme.
Adieu Bester! Montag den 7. Oktober, früh 6 Uhr."
Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel dem es gestern Spass gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mussten des Teufels Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.
Wer stand mir aber dafür, dass diese Schriftzüge mir nicht durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich nicht gerade dadurch, dass ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte, unbewusst in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan eingeholt, und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, oder hatte er mich in den April geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.
In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor, und erhielt den Bescheid, ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript Bogen entalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satans-Bogen in die Kirche. Probatum est; am Montag fing ich an, zu dechiffrieren, und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir bemerkt.
Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu geben, der ihn zu einem Berzelius machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, Frau von Tingen aber, die schöne Witwe, hat, nach einer Anzeige im "Hamburger Correspondenten", vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet.
I
Die Studien des Satan
auf der berühmten Universität ....en
Betrogene Betrüger!
Eure Ringe sind alle drei nicht echt;
der echte Ring vermutlich ging verloren.
Lessing, Natan. III. 7
Fünftes Kapitel
Einleitende Bemerkungen
Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons der grossen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleien spricht man von Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja es könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf der Erde, als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, dass auch sie in einer merkwürdigen Zeit gelebt, dass auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben, die bus von Bedeutsamkeit verliehen.
Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frühern Grandezza, wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, dass sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig von ihrer Freundschaft versichern, schreiben Memoiren für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Massstab, wornach sie die Handlungen richte, in die hände gegeben es sind die Memoiren.
Grosse Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes Römers nachzuahmen, der in der Musse des Friedens die Taten der Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten person spräche, haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es Männern von solchem Gewichte ziemt als ich, bauen aus ihren Memoiren ein Odeon in verjüngtem Massstabe, und treten herzhaft vorne auf der Bühne auf. Mit Schlachtstükken im grossen Stil dekorieren sie die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die grosse Armee und ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber spielen ihre Sulla oder Brutus würdig des unsterblichen Talma.
Mundus vult decipi, d.i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich ab,