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ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls "Flegeljahren" einschieben, die den Leser weniger langweilen dürfte: "Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht." So sagt dieser grosse Mensch, und er kann recht haben, aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Bäume herbeikäme, um seinen Wechsel honorieren zu lassenwelche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, welcher Missmut bei dem fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süssem Geplauder mit vielen Worten nichts sagtenda hörte ich auf einmal das Plätschern von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche ich Frater Piccolo hieher bestellt hatte; wenn er es wäre! – Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das Rauschen des Flusses, die Barke musste sich in der Nähe ans Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich umDonna Ines und der Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, und sank lautlos zurück, indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den rücken zugekehrt, und sah also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande, die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.

"Schändlich!" hub Ines an, "so muss ich dich treffen? Bei deiner deutschen Buhlerin verweilst du, und vergisst, was du deinem weib schuldig bist? Ehrvergessener! statt meine Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so grossen Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in den Armen einer andern?"

"Folget uns, Kapitän West!" sagte der Kardinal sehr strenge; "es ist Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft."

"Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm schlang und sich gefasst und stolz aufrichtete; "schicke diese Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich weiss nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu entfernen."

"Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco, "diese ehrwürdige Frau Campoco; ich denke ihr gehört der Garten, und es wird sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen."

"Ich bitte um Euren Segen, Eminenz", sagte sich tief verneigend Signora Campoco; "wie möget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen Garten ist heute Heil widerfahren, denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

"Nicht gezaudert, Kapitän!" rief der Kardinal; "werfet den Satan zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft. – Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? soll ich", fuhr er mit höhnischem Lächeln fort: "soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den fünftausend Scudi, verehrter Herr? soll ich Euch durch die Wache abholen lassen?" –

"Fünftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner, "ich leiste Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft." –

"Mitnichten!" antwortete er mit grosser Ruhe, "Ihr seid ein Ketzer; haeretico non servanda fides; Ihr könntet leicht ebenso denken und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. NeinPiccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

"Um Gottes willen, Otto! was ist das?" rief Luise, indem ihr Tränen entstürzten. "Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz übergeben haben? O Herr! nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben als Ihr fordert –"

"Meinst du, schlechtes geschöpf!" fiel