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es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

"Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

"Ja warten Sie nur! kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem los; auf Nr. 18 läutete es, dass wir meinten, es brenne drüben in Kassel; des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre histrionischen Anfälle bekommen; der Alte mochte ein Glas über Durst haben, denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle; wir wussten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen; er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu wachen; aber lieber Gott! geschlafen muss er haben wie ein Dachs, denn wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht zu erwecken."

"Nun, und liess er der schönen Rosalie zur Ader?"

"Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Handbreit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

Armer Professor! dachte ich, dein hübsches Röschen mit ihren sechzehn Jährchen, und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster auf das pochende Herz pappend.

"Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins klare zu kommen.

"Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem Hirschhorngeist aus der Apoteke zurückkam. Aber es läutet im zweiten Stock und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war also mit einem Male die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wusste ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich zwar, dass gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschluss geben können? Doch, wenn ich recht nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen; der Professor schwankte in meiner Erinnerung umheram besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billet: "Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.

v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte, und den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, dass ich mich vor den Damen als schwachen Trinker ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir, dass ich selig entschlafen sei, und fragte mit einem lauernden blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie herzlich, und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer grossen Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde; sie seien alle, sogar der morose Ökonomierat dortin gereist; ihn selbst aber rufen seine Geschäfte den Rhein hinab.

Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie mass er dem starken Punsch bei, und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen helfen zu können.

Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas hatte sie verdient, denn wahrlich nur er hatte uns so lange hier gefesselt.

"Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.

"Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich ihm; "ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald genug ein, dass ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen fürs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte mich, ob ich mich entschliessen könnte, die Memoiren eines berühmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu übersetzen? "Vorausgesetzt, dass Sie dechiffrieren können, ist es eine leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde, und das Manuskript im Hochdeutschen abgefasst ist."

Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu, dechiffrieren verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu lernen. Er schloss ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf, und überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren aufgestörten Hügelchen, aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl; unter warmem Dank für seine Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen; die Wagentüre schloss sich, der Postillion hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem