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, wenigstens nicht auf mich, der es wahrhaft gut mit Ihnen meint," sprach er, "was ist es denn weiter? Jugendstreiche, die haben wir alle gemacht."

"Herr!" rief Kleeborn, immer aufgebrachter, "von was, von wessen Jugendstreichen ist hier denn die Rede? – –"

"Wahrhaftig, Sie wissen von nichts?" fiel Erning ihm ein; "nein, wie konnte ich das vermuten, da ich den jungen Mann täglich in Ihrem haus sah, in welchem er gewissermassen zu Ihrer Familie zu gehören schien. Bis jetzt war ich fest überzeugt, dass Sie alles absichtlich ignorirten, da es aber so steht, und Sie die Sache so hoch nehmenmit Klätschereien befasse ich mich nicht, das weis jedermann, aber erfahren müssen Sie es doch, es ist einmal der Sohn Ihres besten Freundes, und wer kann wissen, was für Sie sonst noch wichtiges darum und daran hängt. Nun so hören Sie denn, ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzählen."

Kleeborn musste sich gewaltsam zusammennehmen, um dieses, tropfenweise ihm zugeteilte Gift nur mit einiger Fassung sich aufdringen zu lassen, doch zum Glück traten jetzt einige seiner bewährteren Freunde aus den benachbarten Logen hinzu, die das nicht ganz leise mit Erning gepflogene Gespräch zum teil mit angehört hatten, und diese bekräftigten durch ihr ganz unzweideutiges zeugnis Ernings Erzählung, bei deren Anhören der alte Kleeborn sich jetzt dem ungemessensten Zorne überliess. Auch Horst hatte sich dem kleinen Kreise zugesellt, und da der tief empörte, schwer beleidigte Alte darauf bestand, sogleich nach haus zu eilen, nahm der Rittmeister sich nur eben Zeit, die Damen, die seiner sehr richtigen Ansicht nach, ruhig in der Loge verharren mussten, dem Schutze des Doctor Erning zu empfehlen, zu dessen Ehrenämtern dergleichen Aufträge ohnehin gehörten. Dann eilte er dem alten Herrn nach, um ihn wo möglich von gewaltsamen Schritten zurückzuhalten.

Während dieser Vorgänge wollte der Zufall, dass Sir Charles einmal die Augen der Kleebornschen Loge zuwendete, und zu seiner Ehre müssen wir bekennen, dass er wie vernichtet dastand, als er die Gesellschaft in derselben erblickte, und zugleich das spöttische Lächeln gewahr wurde, welches auf seine Kosten die Gesichter seiner zahlreich versammelten Bekannten verklärte. Mit einem Gefühle ohne Namen glaubte er sich verhöhnt und absichtlich belauscht. Er sah sich schon zum Stadtmährchen geworden und zwar auf eine, derjenigen ganz entgegengesetzte Weise, die seiner Eitelkeit sonst so schmeichelhaft gedünkt hatte. Sein erster Entschluss war, die Spötter mit eiserner Stirne zu braviren, doch einem paar tausend Menschen gegenüber ist das ein schwieriges Unternehmen. Er richtete sich zwar hoch empor, und stellte sich an den, am hellsten beleuchteten Platz in der Loge, aber nach einigen Augenblicken wurde ihm diese Lage doch so unerträglich, dass er seiner Dame den Arm bot und ohne auf ihren Wunsch, das Ende der Oper abzuwarten, zu achten, das Schauspielhaus mit ihr verlies.

Vicktorine bewährte bei dieser gelegenheit abermals die oft gerühmte Kraft ihres Karakters, indem sie, wenn gleich mit grosser innerer Anstrengung, im Aeussern so ruhig als möglich sich zeigte. Besorgniss, Freude, Mitleid mit der Kränkung, die ihr Vater erleiden musste, Furcht vor der nächsten Stunde, in der sie ihn wiedersehen sollte, wogten in ihrem Gemüte und regten die Ahnung einer nahen bedeutenden Wendung ihres Geschicks in ihr auf. Die Art mit welcher der Rittmeister Horst sie diesen Abend zum Besuche des Teaters beinahe gezwungen hatte, machte ihr den Anteil, den er an diesem seltsamen Zusammentreffen haben mochte, nur zu deutlich, und sie wusste nicht, ob sie ihm denselben verdanken, oder ihn darüber tadeln sollte. Dazwischen quälte sie Ernings Zudringlichkeit, mit der dieser ein Gespräch anzuknüpfen versuchte, in welchem er zu erforschen gedachte, welchen Eindruck Sir Charles Betragen auf sie gemacht habe. Es ward ihr nicht leicht, den unverschämten Frager auf würdige und doch nicht beleidigende Weise in den, ihm gebührenden Schranken fest zu halten. Um ihm zu entgehen, suchte sie der Oper alle die Aufmerksamkeit, wenigstens scheinbar zuzuwenden, welche Agate und das fräulein Natalie ihr wirklich schenkten.

Die aus allen ihren Himmeln hinabgestürzte Babet zeigte bei weitem nicht so viel Fassung, sondern spielte eine sehr trübseelige Rolle. Unter dem Vorwande unleidlicher Kopfschmerzen hatte sie sich in den Hintergrund der Loge zurückgezogen, wo ihrem feinem Ohr beinahe keine Silbe von dem gespräche ihres Oheims mit dem Doctor Erning entging. Helle Tränen, welche sie umsonst zu verhehlen suchte, rollten ihr dabei über die hochrot erglühenden Wangen herab, und fielen auf das Kreuzchen von Korallen, das sie auf der Brust trug, das traurige Denkmal schöner Stunden. Das Unternehmen, sich eine Rosabella in die nämliche Stadt nachkommen zu lassen, in welcher man die reiche, schöne, von Verehrern umlagerte Erbin eines sehr Ehrliebenden und dabei auf den Ruf seines Hauses mit Recht stolzen Mannes zu heiraten gedenkt, gränzt so sehr an das Abenteuerliche, dass man es selbst einem so verschrobnen charakter, wie den des Sir Charles, kaum zutrauen kann, ohne ihn zugleich für wenigstens halb wahnwitzig zu erklären. Und doch hatte ihn zu diesem Schritte nur hauptsächlich die Langeweile verleitet, welche Vicktorinens abgemessenes Betragen und Babets, ihm aus tausend Gründen täglich lästiger werdendes Hingeben in ihm erregten. Daneben beleidigte die Verzögerung seiner Vermählung mit Vicktorinen seinen Stolz auf die empfindlichste Weise, und doch erlaubte eben dieser Stolz ihm nicht, die nötigen Schritte zu tun, welche einzig diese Verbindung herbeiführen konnten. Auch das