, die er weit entfernt war, in seiner Nähe zu suchen. Sorgfältig musterte er die Logenreihen mit seinem Opernglase, während das Flüstern und Lorgniren von allen Seiten zunahm. Doch wer beschreibt sein Erstaunen, als er in einer Loge sich gerade gegenüber eine einzelne junge Dame gewahr wurde, welche durch ihren kostbaren, aber etwas fantastisch überladnen Anzug sich nicht minder auszeichnete, als durch ihre wirklich blendende Schönheit, und dicht hinter ihr, in seiner gewohnten nachlässigen Stellung über mehrere Stühle hingegossen, den rücken dem Teater zugewendet – Sir Charles – der ohne weiter auf die Oper noch auf das Publikum zu achten, sich einzig damit zu beschäftigen schien, die Blumen in dem türkischen Shawl seiner schönen Nachbarin sorgfältig zu zählen.
über den Anblick dieser Gruppe vergass der alte Herr die noch immer nicht abnehmende Unruhe im Publikum, denn es fiel ihm nicht ein, diese mit jener in Verbindung zu setzen. Er bemühte sich nur zu erraten: wer wohl die Dame sein könne, die es heute vermocht hatte, seinen zukünftigen Schwiegersohn aus dem wohlverschlossnen Kabinette hervorzulocken. Eine Fremde musste es sein, davon war er fest überzeugt, nicht nur wegen ihrer auffallenden Kleidung, sondern hauptsächlich, weil keine Einheimische einen solchen Verstoss gegen die allgemein angenommene Sitte begehen konnte, sich ganz allein von einem jungen mann ins Teater begleiten zu lassen. Es tat ihm leid um die arme person, die aus Unbekanntschaft mit der Gewohnheit des Orts sich vielleicht Unannehmlichkeiten aussetzen konnte, und er war schon im Begriff hinüber zu gehen und sie mit ihrem Begleiter in seine eigne Loge abzuholen, als er noch einmal im haus sich umsah, und nun erst zu seinem grossen Erschrecken gewahr ward, wie alle seine näheren und entfernten Bekannten eigentlich nur ihn zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit machten. Einige sahen mit besorgter Teilnahme ihn an, andre trugen den hämischen Triumph der Schadenfreude im lächelnden Gesicht, die meisten betrachteten ihn mit dem starren blick neugieriger Erwartung dessen, was zunächst geschehen würde. Nur das Paar ihm gegenüber schien seiner nicht gewahr zu werden. Die schöne Dame hatte alle ihre Aufmerksamkeit der Oper zugewendet, und von Sir Charles war es schwer zu entscheiden, ob er schlafe oder wache.
Kleeborn trat sogleich in den Hintergrund der Loge zurück, um mit dem Rittmeister Horst, der, an eine Säule gelehnt, mit angestrengter Aufmerksamkeit den ernsten blick auf jenes Paar geheftet hielt, über diese seltsame Erscheinung zu sprechen; doch indem klopfte ihm jemand auf die Schulter und eine bekannte stimme bot ihm einen freundlichen guten Abend.
In grossen Städten trifft man häufig auf Hagestolze von mittleren Jahren, die in allen sogenannten guten Häusern Eingang finden und überall sind, einzig, weil sie den Leuten weiss zu machen wissen, dass sie überall hingehören. Diese Herren reden über alles, sind immer mit gutem Rate bei der Hand, spielen hohes oder niedriges Spiel, wie man will um überall hinzupassen, und üben unter der Maske treuherzigen Freimuts eine Art von arroganter Vormundschaft über Jung und Alt, indem sie sich bei allen Gelegenheiten zum Vertrauten aufdringen. Und alles dies nur um sich ihren freien Platz am Tische, im Teater oder bei Landpartien zu sichern. Ein solcher war Doctor Erning, der eben den Vater Kleeborn begrüsst hatte.
"Nun was sagen sie zu dem neuen Kometen, der an unserem Horizonte aufgestiegen ist? Wie gefällt Ihnen die schöne Rosabelle?" fragte Erning, gleich nach der ersten Begrüssung.
Kleeborn war noch zu befangen, um des Doctors Meinung gleich zu verstehen. "Rosabella," wiederholte er ganz tonlos und unwillkührlich.
"Nun ja, Rosabella, oder auch Rosaspina," erwiderte Erning lachend, denn so viel ist wohl gewiss, der alte Papa drüben in Holland wird sie wenigstens lieber für einen Dornenstrauch als für eine Rose erklären, denn das liebe Söhnchen mag bei ihr viel Wolle sitzen lassen. Aber schön ist sie doch, das muss man ihr lassen, nicht wahr?"
"Ich verstehe Sie nicht," erwiderte Kleeborn mit erzwungner Kälte, obgleich auf seinem gesicht deutlich zu lesen war, dass er eben anfange, alles recht gut zu verstehen.
"Nun das muss ich sagen!" rief Erning, "Sie allein sollten nicht wissen, was die ganze Stadt seit drei Wochen weis! denn so lange ist es, seit er sie durch seinen Kammerdiener von Paris abholen liess, weil er wahrscheinlich nicht Lust hatte, sie dort länger auf seine Kosten leben zu lassen. Er hat sie in der Vorstadt im Weissischen Gartenhause einlogirt, wo sie sich Frau Gräfin nennen lässt. Sie sehen, ich bin von allem genau unterrichtet, also spielen Sie nicht länger den Geheimnissvollen gegen mich. Bei den kleinen Dejeunees, die er dort uns jungen Leuten en petite comité zuweilen gibt, können Sie Papachen freilich nicht sein, aber exquisit sind sie, deliziös auf Ehre. Er versteht so etwas anzuordnen, das muss der Neid ihm lassen. Wäre nur nicht immer auch der König Pharao mit dabei! das verdammte hohe Spiel, ich kann es nun einmal für den Tod nicht leiden. Doch mit den Wölfen muss man heulen, und er – –"
"Er! und er! und immer er! was für ein er?" fuhr Kleeborn jetzt im höchsten Aerger auf. Doch Erning, dem er zu laut ward, zog ihn schnell in den Logengang hinaus und wandte nun alles an, ihn zu beschwichtigen, um dadurch noch grösseres aufsehen zu vermeiden.
"Zürnen Sie nicht so, lieber alter Freund