den Hausfreunden ihres Vaters gehört hatte. Sie betrachtete das Kleinod genauer, und unwiderstehlich drang sich ihr die überzeugung auf, dass dieser Ring ihr zum Brautgeschenk bestimmt gewesen sei, ehe ein unseeliges Missverstehen Bernhard von ihr entfernte; denn ihr eigner Namenszug mit dem des Geliebten zierlich verschlungen, war der inneren Seite desselben eingegraben. Jener wilde Schmerz, den sie so eben mühsam niedergekämpft hatte, erwachte bei dieser Entdeckung nicht wieder, wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefühl inniger Wehmut, dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab. Sie zog ein Gemälde Bernhards hervor, welches sie nie von sich lies, und das ihn so darstellte, wie er war, als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm; sie verglich die Greisengestalt mit dem lebenatmenden Bilde seiner Jugend. Noch einmal musste jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr zeigen, und tief ergriffen von der Flüchtigkeit des Traums, den wir Leben nennen, vermochte sie es jetzt, die wohltätige Hand dankend zu preisen, die auch sie dem Ziele so nahe geführt hatte, wo, wie ihr frommes Hoffen ihr verhiess, Bernhard schon lange ihrer harrte.
Endlich gewann Anna es auch über sich, den Inhalt der so lange verborgen gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmütig ernste Beschäftigung gab sie allmählich sich selbst ganz wieder zurück. Sie fühlte inniger als je zuvor die Verpflichtung, hier tätig zu werden für das künftige Wohl des abwesenden Raimund, den sie von nun an, als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen, betrachten musste. Deshalb las sie alles, was sie in den verborgenen Fächern vorfand, mit möglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemütes daran, um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrücken, welche bei dieser Beschäftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zerstöhren drohten.
Was sie vorfand, überzeugte sie von dem Berufe und der Möglichkeit, hier für Bernhard selbst eintreten, und unsäglich viel Gutes, die geliebte Asche und den teuren, ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu können. Von neuem erwachte in ihr die lange Gewohnheit, sich des Wohles Andrer tätig anzunehmen; alles übrige von sich weisend, überliess sie sich einzig dem ernsten Ueberlegen, was hier am ersten zu ergreifen sei, und kam auf diese Weise sehr bald zu dem Entschlusse, die Reise zu unternehmen, welche sie, wie früher erwähnt ward, am folgenden Morgen wirklich antrat. Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen haus alles so ziemlich unverändert, wenigstens dem äussern Anschein nach. Innerlich wurde der alte Herr freilich mit jedem Tage verdrüsslicher, und Angelika und Vicktorine empfanden die tiefe sehnsucht nach der entfernten mütterlichen Freundin immer schmerzlicher. Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur ihren gewohnten gang, sondern, wie das beim Schluss der Winterfreuden gewöhnlich der Fall ist, sie drängten sich in und übereinander bis zum Ueberdrusse der meisten daran Teilnehmenden. Denn bekanntlich vermag es keiner, der in einem solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist, sich ihm in dem Augenblicke zu entziehen, da er seiner müde wird, sondern jeder muss noch eine Weile im gewohnten Kreise sich fortdrehen, wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran, so wie zu rasche Tänzer noch einige Minuten, nachdem die Violinen verstummten, unwillkührlich fortwalzen müssen.
Nach einem glänzenden Balle, der bis zum Anbruch des Tages gewährt hatte, befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr verspäteten Frühstück nach altergebrachter Gewohnheit versammelt. Alle waren müde und lebenssatt, und jeder Einzelne, sogar Babet, labte sich mit stillem Wohlbehagen an der Hoffnung, dass heute wahrscheinlich ein Ruhetag sein und bleiben würde. Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an: ob er das Glück haben könne, sie den Abend in das Teater zu begleiten, indem eine neue Oper zum erstenmal gegeben werden solle, von der man grosse Erwartungen hege.
Alle blickten voll Erstaunen auf ihn, denn seit langer Zeit hatte man ihn weder zu einer so frühen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen. Vicktorine erklärte sich indessen doch für zu ermüdet, um nicht das Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen. Agate stimmte ihr bei, und auf Babets Meinung, dass man gerade im Teater am aller besten ausruhen könne, wurde gar nicht geachtet, denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts wissen, sondern lud Sir Charles ein, den Abend lieber einmal mit ihm und den Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen.
"Ich könnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen, und wenn ich auch ein weit grösseres Vergnügen deshalb aufopfern müsste, als ich daran finde, deutsche Musik, von deutschen Kehlen abhaspeln zu hören," erwiderte Sir Charles, der heute einmal durchaus seinen höflichen Tag zu haben schien. "Ich komme gewiss," setzte er hinzu, "obgleich ich es eigentlich nicht sollte; denn ich muss es nur gestehen, dass ich alle diese Zeit her meine Geschäfte ganz unerlaubt vernachlässigt habe. Unter manchen andern üblen Gewohnheiten besitze ich leider auch die, immer nur ruckweise arbeiten zu können. Mein Schreibtisch seufzt unter der Last wichtiger Depeschen, die ich längst ausfertigen sollte, der vielen Geschäftsbriefe, die alle unbeantwortet daliegen, mag ich nicht einmal erwähnen. Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an seinem Pulte, denn ich muss Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen, des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken. Indessen da ich ohnehin entschlossen war, die Nacht durch zu arbeiten, im Fall die Damen sich heute für das Teater bestimmt