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jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kästchen für das nämliche, welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes Familienkleinod mit der grössten Sorgfalt aufbewahrte. Wie oft hatte sie die alte, mit Gold künstlich eingelegte Arbeit, alle die unendlich feinen Blumen und in einander verschlungnen Züge mit ihm bewundert, die das Elfenbein schmückten, aus welchem die Aussenseite dieses kostbaren Behältnisses bestand! Sie versuchte es, mit dem zierlichen Schlüssel zu öffnen, das Schloss wich, das Kästchen sprang auf und leuchtend wie sonst, glänzte die Silberplatte ihr entgegen, welche das Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte.

Alle die seeligen Stunden, welche sie im entzükkenden Gefühle des ersten Aufkeimens reiner jugendlicher Liebe bei der Herzogin von P*** mit Bernhard durchlebte, gingen bei diesem Anblick wieder an ihr vorüber, und weit drängten sie die Gegenwart zurück. Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu hören, als schliche er herbei, als wolle er, wie er einst im fröhlichen Scherz getan, über ihre Schulter blicken, um in dem kleinen raum der hellspiegelnden Fläche sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen.

wunderbar durch sich selbst getäuscht, glaubte sie das Wehen seiner Nähe zu empfinden, unwillkürlich warf sie einen blick in das Innere des Kästchensdoch ach! nicht das Bild des Geliebten, nicht das ihrer eignen längst entschwundnen Jugendblüte lächelte ihr daraus entgegensie erblickte nichts weiter als ihre jetzige gealterte Gestalt. Ergriffen von der unnennbaren und doch so menschlichen Trauer um den versunknen Frühling ihres Lebens, bedeckte sie bei diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Händen, und sank mit einem kaum zu unterdrückenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zurück, als habe erst in diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage zerstört. Was sie gelitten, was sie verloren, alle längst verjährten Schmerzen, die sie im Laufe ihres Lebens gefühlt und überwunden, drangen jetzt mit unsäglicher, neubelebter Gewalt auf sie ein; das Gefühl des Alters überwältigte sie plötzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit, ihr starkes Gemüt unterlag dem Schmerze über den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals, als diese nämliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte, und sie brach in bittre heisse Tränen aus, wie sie nie wieder sie weinen zu müssen gehofft hatte.

Wir alle, Männer und Frauen, würden fühlen, wie Anna damals empfand, dürfte das Alter uns so plötzlich nahen, als der Tod, zu unserem Heile es darf; aber die, ihre Kinder immer schonende natur führt uns glücklicherweise in leisen Uebergängen, von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich näher, das der blühendsten Schönheit, wie der unverwüstlichsten Jugendkraft, unvermeidlich, wenn gleich meistens unbeachtet gegenüber steht. Annas lang geübte Gewalt über sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft genug, um den Inhalt des Kästchens näher zu untersuchen. Sie fand darin alles wie Raimund es ihr geschrieben hatte, eine versiegelte Abschrift seines letzten Willens, und die, sein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen betreffenden Documente. Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun, die verborgenen Fächer des Kästchens zu öffnen, von deren Dasein Raimund nichts wusste, und die auch ihr verborgen geblieben wären, wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst zufälliger Weise damit bekannt gemacht hätte. Dabei war sie überzeugt, dass Raimunds Vater seinem Sohne das Dasein dieser Fächer noch zu entdecken gewünscht hatte und dass nur das schmerzliche Gefühl, dieses nicht mehr zu vermögen, die letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte. Uebrigens konnte in dem kleinen Behältnisse diese verborgenen Fächer niemand ahnen, der nicht in das geheimnis eingeweiht war. Denn die mit Gold eingelegte Arbeit, welche die elfenbeinerne Aussenseite fast über und über bedeckte, nebst den sehr massiv scheinenden silbernen Platten im inneren desselben waren mehr als hinlänglich, um die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren.

Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlüssels die Rosette zurück, welche einen kleinen Magnet verbarg, dessen Kraft ein fast unsichtbares, im inneren des Kästchens angebrachtes stählernes Knöpfchen beseitigte und beide, im Deckel und im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im nämlichen Momente auf, so wie sie die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder berührte.

Mehrere Papiere, grösstenteils Briefe, füllten, zierlich zusammengefaltet, beide, so lange verborgen gebliebene Fächer des Kästchens aus.

Anna heftete den trüben blick lange darauf, ohne dass sie es wagte, die Papiere zu berühren, denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von diesen Bernhard von Leuens Schriftzüge, und ihr war, als wolle der bleiche, längst geschlossene Mund des toten noch einmal sich öffnen um ihr freundlichen Gruss aus einem höheren Leben zu senden, und ihr wirklich zu entdecken, was ihrem ahnenden Gemüte schon längst, wenn gleich dunkel und unbestimmt, vorgeschwebt hatte.

Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen; mit zitternder Hand ergriff und öffnete sie diese, und fand darin einen Ring mit Bernhards Bildniss. Die edlen Züge, das seelenvolle Auge, im kleinsten Raum aufs treuste wieder gegeben, ganz so, wie sie zum erstenmal ihn sah, leuchteten ihr in blühender Jugendfrische entgegen, von blitzenden Diamanten umgeben. Sogar das Kleid schien dasselbe, welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von P*** zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug. Das dunkle Behältniss, welches das schöne Miniaturbild so lange aufbewahrte, hatte die Farben vor dem Verbleichen geschützt, sie strahlten noch im ursprünglichem Glanze, und Anna erkannte mit erhöhter Wehmut die Arbeit eines ehemals berühmten, jetzt ebenfalls schon längst entschlafnen Künstlers darin, der vor langen Jahren zu