1823_Schopenhauer_091_94.txt

Toulon zu, von wo ich sogleich einen Wundarzt und eine Sänfte nach Oliulles absandte. Am nächsten Tage hatte ich schon die Freude, den Unglücklichen in meinem Gastofe anlangen zu sehen, wo ich für seine Verpflegung selbst sorge tragen kann. Bis jetzt liegt er äusserst schwach, beinahe regungslos da, doch seine Wunden sind an sich nicht gefährlicher Art, und der Arzt hofft mit Gewissheit, er werde genesen. Diese Hoffnung stützt sich hauptsächlich auf die innere Kraft einer jugendlichen unverdorbenen natur, welche freilich durch mannigfaches Leiden, vielleicht sogar durch harte schwere Arbeit, untergraben zu sein scheint, bei sorgsamer Pflege steht aber zu erwarten, dass sie bald wieder die Oberhand über Fieber und Schmerz gewinnen werde."

"Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine höchst rätselhafte Erscheinung. Seine verfallne abgemagerte Gestalt, seine, wenn gleich fein geformten, dennoch hart gewordnen hände voller Schwülen scheinen freilich zu beweisen, dass ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete, und doch liegt ein gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in seinem Benehmen, sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung mächtig wird, welches darauf hindeutet, dass er den gebildeten Ständen angehört, die wir die Höheren zu nennen gewohnt sind."

"Der Arzt verbietet ihm zu sprechen, was seine eigne Schwäche ihm ohnehin kaum erlauben möchte; er liegt die grösste Zeit des Tages in einem, an Bewusstlosigkeit gränzenden Hinbrüten fast ohne ein Zeichen des Lebens, und da die Räuber ihm alles, was er bei sich führen mochte, nahmen, so blieb mir nichts, was mich in meinen Vermutungen über seine früheren Verhältnisse leiten könnte. Gleichwohl ahnet mir zuweilen, er sei vielleicht ein Deutscher und dieser Gedanke erhöht meine Freude über seine Rettung um ein Grosses. Freilich haben Luft und Sonne sein Gesicht gebräunt, so, dass er sich in dieser Hinsicht durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet, doch seine Locken sind blond, und einigemal glaubte ich deutlich zu hören, wie er, o mein Gott! seufzte, wenn seine Wunden ihm stärker schmerzen mochten."

"Morgen kehre ich nach Marseille zurück, denn die Geschäfte, welche mich dort erwarten, erlauben mir nicht, nur noch einen Tag länger in Toulon zu verweilen. Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der hiesigen Polizei nun belebt, Gensd'armes durchstreifen das Tal von Oliulles nach allen Richtungen hin, und die grosse Strasse wenigstens ist in diesem Augenblick vollkommen sicher."

"Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackern Deutschen, Namens Weiler, dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zurück. Denn wo wäre eine bedeutende Stadt in Europa, in der man nicht Deutsche anträfe? Auch der Arzt ist einer, wie so viele der geachtetsten ärzte in Frankreich. Beide ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann, und pflegen deshalb seiner um so mehr mit wahrhaft brüderlicher Teilnahme. Weiler ist sogar entschlossen, ihn in sein Haus aufzunehmen, sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses erlaubt. So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Mutes von ihm scheiden; ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zurück und Herr Weiler will sich mit mir vereinen, um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede Weise zu erleichtern. Und nun leben Sie wohl, hochwürdige Frau, Sie werden jetzt in langer, langer Zeit nicht wieder von mir hören, aber ich weis, Sie vergessen meiner dennoch nicht. Lebe wohl, Geliebte! Vicktorine! Du schönes holdes Licht meines Lebens! Lebe wohl mein Vaterland! Europa, lebe wohl! Mein Schiff liegt im Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit. Es ist ein trefflicher Seegler, der Kapitain ein erfahrner verständiger Seemann. Die Stürme der Tag- und Nachtgleiche sind vorüber, und alles weissagt mir eine schnelle glückliche Fahrt."

"Mein Herz schlägt hoch in Freude, dass ich nun endlich dem mir gesetzten Ziele zueilen darf; die Hoffnung des schönsten Wiedersehens winkt mir durch den Schleier, der die ferne Zukunft verhüllt; was ich auf Erden noch zu ordnen hatte, ist jetzt geordnet, und so rufe ich frischen Mutes aus voller Brust: Glück auf!" Schon das wohlbekannte Wappen, mit welchem dieser Brief gesiegelt war, hatte wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen, in den Augen der Tante die Aehnlichkeit der Schriftzüge auf der Adresse, mit den ihr unvergesslichen, einer längst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhöhen. Als sie nun vollends auch den kleinen goldnen Schlüssel aus seiner Verhüllung wickelte, welcher in dem Briefe lag, strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten Vergangenheit so blendend entgegen, dass sie darüber das Bewusstsein der Gegenwart verlor. Ihre zitternde Hand vermochte es kaum, den Schlüssel fest zu halten; sie betrachtete ihn genauer; er war es, unverkennbar derselbe! Sie drückte beinahe unwillkührlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette, diese wich noch wie ehemals dem leisen Drucke und schob sich zurück. Anna glaubte zu träumen.

In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kästchen herbei, welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte. Ohne es genauer zu betrachten, hatte sie es damals weggestellt, und hätte nicht Raimund jetzt durch sein Schreiben sie dazu berechtiget, so würde sie es ihm gewiss bei seiner Rückkunft ganz unberührt wieder gegeben haben, ohne dass es ihr je eingefallen wäre, die Chatulle aus der Verhüllung zu ziehen, die solche von allen Seiten dicht umgab. Mit strahlenden Augen, mit einem Gefühle ohne Namen, erkannte Anna auf den ersten blick