Blätter und den Schlüssel zu dem Kästchen Ihnen, hochwürdige Frau, übersende."
"Mein Mut blieb indessen ungebeugt, und ich darf sagen, was ich sah und erlebte, hat ihn vielmehr neu gestärkt, obgleich das harte Geschick der armen Suzon und ihres Geliebten mich noch immer mit tiefer wehmütiger Trauer erfüllt! Drohen doch überall tausend Gefahren dem armen Leben des Sterblichen, selbst mitten im Kreise der Seinen, auf festem Boden, im sichern haus. Ist doch die Erde ein weites Grab wie das Meer und jeder Atemzug ein unerforschtes Wunder, das unser Leben von einer Secunde zur andern fristet. Wahrlich, wir müssten entweder immer verzagen, oder immer vertrauen, und ich wähle mir das letztere."
"Am nämlichen Tage noch trat ich meine kleine Reise nach Toulon an; ich suchte und fand neue Lebenskraft im Betrachten dieser, von allem mir Gewohnten so ganz abweichenden Pracht der natur und es gelang mir nach und nach, mich von den düstern Bildern loszureissen, die noch immer auf meine Phantasie eindrangen."
"Alles ist hier anders wie bei uns und doch unendlich reizend; keine Spur jener anmutigen Frische, die in den schönen Tälern am Ufer der Elbe, des Rheins, der Donau, uns mit so unbeschreiblichem Wohlbehagen erfüllt. Weit und breit ist nur wenig Grünes zu entdecken, die Olivenbäume, die in den Steinklüften wurzeln, der Tymian, der Lavendel, alle die viel tausende Kräuter, die, wie ein Teppig, sich über die Felsen hinbreiten, zeigen meistens nur ein einförmiges Graublau, welches das dunkle, ans Schwarze gränzende Grün der malerischen Pinie nur selten unterbricht, aber ein süssberauschender Duft steigt Abends und Morgens aus ihnen auf. Der Oleander, der Rosmarin wachsen hier, mit der Myrte vereint, zum hohen baumartigen Strauch heran. Die Tazette, der Goldlack, alle die vielen Blumen, die wir im Norden mühsam pflegen, gedeihen hier in der Wildniss weit üppiger als in unsern Treibhäusern. Myriaden von Cikaden klingeln wie mit Silberglöckchen vom Morgen zum Abend ihr eintöniges Lied und die malerisch gestalteten Felsen erglühen im Sonnenschein in einer Farbenpracht, die wir im Norden nicht kennen."
"Da ich erst spät gegen Mittag ausgereist war, so konnte ich Toulon nicht in Einem Tage erreichen, sondern musste in Cujes, einem kleinen, mitten in einem Felsenkessel liegenden Orte übernachten; dafür ritt ich aber auch schon mit Sonnenaufgang wieder aus, von meinem Bedienten und einem Postillion begleitet, der uns zum Wegweiser diente. Unsere Strasse führte uns anfangs durch ein wunderschönes Felsental, am Ufer eines lustig rauschenden Bergwassers hin, dem von den Höhen eine Menge kleiner silberhellen Quellen zustürzten, als eilten sie, sich mit ihm zum fröhlichen Tanz durch das schöne Land hin zu vereinen. Wo nur ein urbares Plätzchen sich findet, wachsen hier Mandelbäume, Maulbeerbäume und Reben zwischen dem Gestein; unzählige Blumen biegen sich neugierig vor, als wollten sie in dem klaren Gewässer sich spiegeln und alles grünt und blüht in üppiger Frühlingskraft. Doch dieses währte nicht lange, die Felsen erhoben sich kühner, das klare Strömchen verwandelte sich in einen scheltend und stürmend, zwischen engen Ufern daher rollenden Giesbach, und alles um uns gewann einen düsteren, wilderen Charakter, bis zuletzt jede Spur von Vegetation hinter uns zurückblieb und das enge schauerliche Tal von Oliulles uns aufnahm. In früheren zeiten, selbst während der Revolution, war es als der Aufentalt gefährlicher Räuberhorden berüchtigt, und auch jetzt hatte man uns ermahnt, es nicht unbewaffnet zu durchziehen. Denn der vieljährige Krieg hat die Menschen verwildert, und viele, die während desselben heranwuchsen und kein anderes Handwerk als Raub und Plünderung in fernen Ländern erlernten, üben dieses jetzt notgedrungen im eigenen vaterland aus, besonders wo sie, gerade wie in diesem Tal, einen Ort finden, der von der natur selbst zum Schauplatz dunkler Taten bestimmt scheint."
"Nie sah ich eine furchtbarere Einöde! Ein wild verworrenes Labyrint grausenerregender Klüfte und Höhlen öffnet sich zu beiden Seiten der dicht am Bergstrom sich hinwindenden Strasse und bietet dem Räuber überall sichere Zuflucht und Mittel zu entkommen. Zuweilen treten die überhangenden Felsen so nahe zusammen, dass kaum ein schmaler Himmelsstreif dem Wandrer sichtbar bleibt, und kein belebender Sonnenstrahl in die schauerliche Dämmerung hinabzudringen vermag. Hier verstummt alles Leben, kein Vogel singt in dieser furchtbaren Wüste, aus der selbst die genügsame Cikade entflieht, weil auch kein armes Hälmchen dem trocknen harten Steine mehr entspriesst."
"Tief in mich selbst versunken, ritt ich eine kleine Strecke voraus, dem einsamen dunkeln Pfad' entlang, während mein Bedienter mit dem Postillion etwas zurückblieb, um sich von diesen Mordgeschichten erzählen zu lassen, deren Schauplatz er gerade in die Gegend hin verlegte, in welcher wir uns befanden. Meinem ehrlichen Dubois sträubte sich dabei das Haar himmelan, aber er horchte dennoch mit einem Interesse darauf, welches auch gebildetere Naturen, als die seine, nie ganz zu verläugnen vermögen, und verlangte immer nach einer zweiten furchterregenden Erzählung, wenn die erste eben zum Schlusse gekommen war."
"So gelangte ich, anscheinend ganz allein, zu einer Stelle im Tal, wo sich die Felsen dem Auge so wunderbar in einander schieben, dass der rückwärts Schauende eben so wenig begreift, wo er hergekommen ist, als man absehen kann, wo es hinaus will, wenn man den blick vorwärts wendet. Und gerade in diesem ringsum von steilen Felsenwänden eingeschlossenen platz sah ich plötzlich in geringer Entfernung aus einer der Seitenklüfte zwei mit starken Knütteln bewaffnete Männer hervorspringen, deren verwildertes