1823_Schopenhauer_091_91.txt

entschliessen, zurück in die Hütte zu gehen, und auch der Alte blieb draussen, wahrscheinlich um Suzons herzzerreissenden Anblick auszuweichen. Noch immer bestürmte ich ihn mit Bitten und fragen, um Mittel und Wege, dem augenscheinlich dem Untergange geweihten Schiffe zur hülfe zu kommen, aber er wies mich unabänderlich ab, wie man ein Kind abweist, das Unmögliches verlangt, obschon das Herz des mit allen diesen Schrekken längst vertrauten Greises für die unglückliche Suzon blutete."

"Er sagte mir, sie sei seine Pate, die Tochter eines armen Fischers, aus einem kleinen Dörfchen nahe am fuss des Felsens von notre Dame de la Garde; das schönste, sittsamste, anmutigste Mädchen weit und breit umher, von Jugend auf bei Alt und Jung beliebt. Antoine, seit langer Zeit ihr Verlobter, war als Matrose mit dem Phönix ausgegangen, sobald er heimkehrte, sollte die Hochzeit sein und nundem alten Mann brach die stimme vor innerer Bewegung, er vermochte nichts weiter hinzuzusetzen."

"Ich dachte an Vicktorinen undach! hochwürdige Frau! lassen Sie mich, was ferner sich mit der Unglücklichen begab, was mir das Herz zerriss, indem es mit einem Entsetzen mich erfüllte, das immer von neuem wiederkehrt, so oft ich daran denkelassen Sie mich das alles nur noch mit wenigen kurzen Worten andeuten, um Ihrer und meiner zu schonen.

"Wir kehrten in die Hütte zurück undfanden Suzon nicht mehr. Sie war erwacht, und hatte sich hinter unserem rücken hinausgeschlichen. Das furchtbare Brausen des Sturms, das wilde Toben der Wogen, bei dem wir nur mühsam, dicht zusammen gedrängt, uns einander verständlich machen konntenwir hatten ihr Fortgehen nicht bemerkt!"

"Wir riefen hülfe herbei, die wenigen Invaliden, welche die Zitadelle bewohnen, vereinten sich mit uns, der Fels, der Weg zur Stadt, die Kapelle, alles ward durchsucht, obgleich die Schrecknisse dieser entsetzlichen Nacht die Nachforschungen eben so gefährlich als mühsam machten, – alles war umsonst und Suzon blieb verloren!"

"Der Morgen graute, das Gewitter verzog, der Sturm legte sich, doch das erzürnte Meer siedete noch immer in innerlicher entsetzlicher Wut, und die schäumende Brandung tobte weit über ihre sonst gewohnte Gränze am Ufer hin. Da ging endlich die Sonne auf, hell und heiter, als leuchte ihr Strahl nur Glücklichen, die smaragdnen Wellen erglänzten, sie hoben wie im feierlichen Tanz die schaumgekrönten Häupter in unbeschreiblicher Pracht, und warfen im wilden Spiele die dunkeln Trümmer des gescheiterten Schiffes einander zu, ein trauriges Zeichen ihres Triumphs über zerbrechliches Menschenwerk."

"Wie ich zurück nach Marseille und in meine wohnung gelangt bin, weiss ich kaum. Das in allen seinem Schrecken über allen Ausdruck erhaben grosse Schauspiel dieser unvergesslichen Nacht, Suzon, Vicktorine, alles dieses vereint, drängte sich auf dem Wege in meiner Phantasie zu einem einzigen gewaltigen Bilde zusammen."

"Es war mir unmöglich, Marseille, wie ich es mir früher vorgenommen hatte, schon an diesem Tage zu verlassen, ohne vorher über das Geschick der armen Suzon und der Mannschaft des so nah' am Hafen gescheiterten Schiffes zu einiger Gewissheit gelangt zu sein. Alle, alle hatten wahrscheinlich im Zorn des empörten Elements den Untergang gefunden."

"Als am zweiten Morgen nach jener Schreckensnacht das wieder beruhigte Meer sich in seine alten Schranken zurückzog und die wilde Brandung sich legte, fanden die Fischer mehrere tote, welche die Wogen dem mütterlichen Boden wieder zugeworfen hatten. Antoine war der erste unter diesen; unfern dem Wohnorte seiner Braut lag er auf einer kleinen Erhöhung, halb bedeckt noch von den Wellen, die einzeln über ihn hinschlugen, und neben ihm seine bis in den Tod getreue Suzon. Kalt, erstarrt, durchnässt, als hätte sie mit ihm die Gefahren des Schiffbruchs geteilt, hielt sie ihn noch immer fest umschlungen, und keine Gewalt vermochte die Liebenden im tod zu trennen, denen Vereinigung im Leben nicht beschieden war."

"Die Unglückliche! Nachdem sie aus der Hütte des guten Regnaud entfloh, stieg sie, wie man jetzt vermutet, einen Fusspfad hinab, der schnurgerade ans Ufer führt. Niemand begreift, wie dieses Wagestück ihr in dieser entsetzlichen Nacht gelungen sein kann, denn nur selten mag einer der kühnsten Bewohner dieser Küste den fast senkrecht steilen Weg bei hellem Sonnenscheine zu erklimmen. Wahrscheinlich fand sie zuerst beim grauenden Morgen den geliebten toten, noch umspült von der Brandung, die ihn ans Ufer warf, und ihn wieder mit hinabzureissen drohete. Die erschöpften Kräfte der Armen vermochten nicht, ihn vollends an das Ufer zu ziehen, und so sank sie neben ihm hin und fand selbst den Tod in dem Bestreben, ihren Geliebten wieder ins Leben zurückzurufen. Es ist ein Geschick, über das sich weiter nichts sagen lässt; hier bleibt nichts übrig, als schweigend in Ehrfurcht zu verstummen."

"Am zweiten Tage, ehe ich den Weg nach Toulon antrat, ging ich hinaus, um das Meer noch einmal zu sehen, doch den Felsen von notre Dame de la Garde mochte ich nicht wieder besteigen. Glänzend wie ein Spiegel, kaum gekräuselt von leicht dahin tanzenden Wellen, lag es vor mir, keine Spur mehr von der furchtbaren Empörung, in der ich es vor kaum acht und vierzig Stunden gesehen hatte. Sinnend verweilte ich lange in seinem Anschauen, alle Schrecknisse jener Nacht gingen nochmals an meinem geist vorüber, und ich fasste hier zuerst den Entschluss, welchen ich jetzt ausführe, indem ich diese